Inhalt

Archiv

Detmold, 28. September 2015 10:00 Alter: 4 Jahr/e

Probleme der Zukunftsstadt 2050 ästhetisch lösen

"Es scheint, dass die Probleme der Welt die Stadt der Gegenwart überrollen", sagte Konferenz-Moderator Prof. Andreas Denk. Mit Blick auf die Zukunft der Stadt sei es daher umso wichtiger, nicht mehr allein auf die Fachwissenschaft, sondern auf interdisziplinäre Ansätze zu setzen. Interdisziplinär und mit 19 vertretenden Nationen auch international war der Ansatz der ersten gemeinsamen Hochschulkonferenz zum Thema "Zukunftsstadt 2050" von Hochschule OWL und dem Unternehmen Schüco International KG als Partner des Wissenschaftsjahre "Zukunftsstadt" der Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Sie fand vom 21.-25. September 2015 in Detmold (Studierendenworkshops) und Bielefeld (Symposium) statt.

Die Probleme der Stadt müssen laut Denk vor allem ästhetisch und nicht allein technisch gelöst werden. Wichtig sei der Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, so Ministerialdirigent Wilfried Kraus (BMBF), der auf der Hochschulkonferenz praktiziert werde. Alle Probleme kumulierten in der Kommune. Im Jahr 2050 lebe 70 Prozent der Bevölkerung in Städten, 80-90 Prozent der Wertschöpfung, aber auch des CO2-Ausstoßes komme aus den Städten, so Kraus. Das Problem: Megacities wie Mumbai/Indien (18 Mio. Einwohner), Lagos/Nigeria (10 Mio.), Bogota/Kolumbien (8 Mio.) wachsen nicht geplant, sondern informell. Die größte Herausforderung dabei laut Kraus: "Wir müssen diese Menschen in die Städte integrieren." Benötigt dabei werde vor allem ein partizipativer Ansatz, ohne Einbezug der Bürger werde es keine tragfähigen Lösungen geben. Die Stadt ist nicht das Problem, die Stadt ist die Lösung, habe der renommierte Stadtplaner Jaime Lerner gesagt.

Dem widersprach Prof. Oliver Hall (Hochschule OWL). So sei Stadt zumindest nicht allein die Lösung, sondern das Habitat müsse immer mitgedacht werden. Das Gesamtkonstrukt zu betrachten war denn auch die Aufgabe der Studierenden-Workshops, die dem eigentlichen Symposium vorausgingen. 80 Masterstudierende unterschiedlicher Baudisziplinen aus insgesamt 19 Nationen bearbeiteten das Thema Bildung anhand einer konkreten Schule in den Städten Mumbai, Lagos, Bogota, Berlin (Metropole mit 4 Mio. Einwohnern) und der Regiopole OWL (2 Mio. Einwohnern). OWL sei eine in Teilen wachsende, in Teilen schrumpfende, wirtschaftlich hoch erfolgreiche Region. Hall: "Wir können es uns gar nicht leisten, die Flüchtlinge außen vor zu lassen." Die zehn Gruppenergebnisse der Masterstudierenden wurden auf dem Symposium am 24./25. September 2015 vorgestellt: Ob Slumschule in Mumbai oder Schulcampus in Berlin die Studierendenkonzepte setzten auf recycelte Baustoffe, Regenwassernutzung, regenerative Energie und möglichst viel Natur. Flexible Wandsysteme, von Schülern selbst hergestellte Möbel, selbst angebautes Gemüse und ganz wichtig: "Wir wollen Berlin 2050 autofrei sehen."

"Das Bewusstsein, dass jedes Gebäude - auch die privaten - eine öffentliche Einrichtung ist, ist nicht mehr da", bemängelte Prof. Eckhard Gerber von Gerber Architekten (Dortmund). Gebäude müssten immer als Teil der Stadt gesehen werden. "Ein großes Problem hat unsere heutige Stadt. Es ist der Sündenfall der Menschheit: das Auto", so Gerber. Aber dieses Problem werden auch Architekten nicht lösen können. Dem unstrukturierten Wachstum der genannten Megacities setzte Gerber die strukturierte Stadtentwicklung am Beispiel Riads (6 Mio. Einwohner) entgegen. "Wir müssen Gebäude machen, die Teile der Stadt sind." So hätten beispielsweise die Konturen seiner Gebäude die Umrisse des bebauten Wadis nachempfunden. Es gelte die Grenze zu definieren zwischen Stadt- und Landschaftsraum. Wie sieht die Rolle der Technologie in der künftigen Stadtentwicklung aus? Mit diesem Thema setzt sich Prof. Axel Häusler (Hochschule OWL) auseinander. Beim Smart Home mache es keinen Unternschied, ob es sich um einen Neubau oder einen Bestandsbau handele. "Die Telekommunikation wird einer der wichtigsten Stakeholder im Jahr 2050 sein", ist sich Häusler sicher. Deshalb stelle sich die Frage: Wie können wir diese Entwicklung mitgestalten? Fest steht aber auch: "Die digitale Technologie wartet nicht auf die Architektur." Es gebe unterschiedliche Entwicklungszyklen. Raum ist dort, wo Verbindungen sind (oder fehlen), so Häusler.

Mobilität verändert sich - wie verändert sich dadurch die Stadt? Sharing Modelle hätten bei gewissen Schichten der Stadtbevölkerung heute schon das Statussymbol Auto abgelöst, meint Helga Kühnhenrich (Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, BBR). "Wir werden künftig mehr Mobilität mit weniger Fahrzeugen haben", ist sich Hall sicher, denn: "Durch die autogerechte Stadt ist mehr zerstört worden als durch den zweiten Weltkrieg." Der Blick der Fachdisziplinen auf die Zukuftsstadt war Thema des zweiten Symposiumtags.

Der Film zur Woche: https://vimeo.com/140301060