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Detmold, 11. November 2014 11:49 Alter: 5 Jahr/e

Wohnmedizin: Aufstehen für die Gesundheit

Wir sitzen zu viel und zu lang. Das macht nicht nur unserem Rücken zu schaffen, sondern kann sogar unser Krebsrisiko erhöhen. Das war nur eine Erkenntnis zu den Fortschritten der Wohnmedizin, die beim vierten Wohnmedizinischen Symposium der Hochschule OWL am vergangenen Wochenende auf dem Detmolder Campus Thema waren. Dem vorausgegangen war eine Bürgerfragestunde zu wohnmedizinischen Problemen. Organisiert und moderiert wurden beide Veranstaltungen von Dr. med. Manfred Pilgramm. Er ist Lehrbeauftragter für Wohnmedizin am Fachbereich Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur der Hochschule Ostwestfalen-Lippe.

Während des Symposiums ging Prof. Dr. med. Klaus Fiedler (Jena, Berlin) auch auf die Vorteile des "Smart Home" ein. Diese könnten in der Wohnmedizin dazu eingesetzt werden, um zum Beispiel den Feuchtigkeitsgehalt in Räumen zu messen, um Schimmelbefall zu vermeiden. 30-60 Prozent Luftfeuchtigkeit seien in Innenräumen optimal. 9,5 Millionen Deutsche litten an einer Schimmelpilzallergie, so Fiedler. "Der zum Teil auch gesetzlich verordnete Zwang zum Energiesparen wird diese Tendenz verschärfen", befürchtet er. Um Schimmel zu vermeiden, empfahl Dr. rer. nat. Julia Hurraß (Köln) jedem einen Thermohydrometer. Denn: "Wenn es irgendwo innen feucht ist, werden früher oder später Schimmelpilze wachsen." Ein häufiger Nutzerfehler sei es, an eine kalte Nordwand Möbel zu nah an die Wand zu stellen. Auch Blumentöpfe und Biomüll seien mögliche Quellen für Schimmelpilz. Sie plädierte dafür, bei allen Innenraumproblemen inter- und transdisziplinär zusammenzuarbeiten. Das richtige Wohn- und Lüftverhalten müsse bereits in der Schule Thema sein.

Auf den ergonomischen Anteil der Wohnmedizin verwies Prof. Ulrich Nether (Detmold). "Um es vorwegzunehmen: Nein, Sitzen ist grundsätzlich nicht gesund." Doch auf die Dosis komme es an, allein: Wir haben laut Nether das Maß verloren. "Eine Studie der Universität Regensburg kommt nicht nur zu dem Ergebnis, dass sitzende Tätigkeit, Langzeitinaktivität, das Krebsrisiko signifikant erhöht, sondern auch, dass diese Steigerung unabhängig ist von körperlichen Aktivitäten außerhalb des Sitzens", sagte Nether. Wichtig sei, das Sitzen so oft wie möglich zu unterbrechen und insgesamt zu reduzieren, ab und zu zu stehen und auf und ab zu gehen oder wenigstens die Sitzposition zu wechseln. Besprechungen im Gehen seien nicht nur gesünder, sondern auch produktiver.

Dem Thema Legionellen und der Brauchwasserhygiene widmete sich Prof. Dipl.-Ing. Peter Junkers (Erfurt, Detmold). Zwar werde in Deutschland Wasser in sehr guter Qualität am Hauswasser-Zähler angeliefert. Legionellen seien zwar in geringer Konzentration grundsätzlich im Wasser vorhanden, für unsere Gesundheit aber unschädlich. Ihre kritische Vermehrung entstehe hingegen erst in den Bauwerken. So sei ein starkes Wachstum im Temperaturbereich von 25-50 ° C zu beobachten. Bei 70° C würden Legionellen theoretisch abgetötet, es blieben aber ca. 10 % noch "wiederbelebungsfähig"." Junkers: "Die viel beklagte Komplexität des Planes und Bauens ist für Bauherren und Planer gleichzeitig eine große Chance." Ein Beispiel sei die Brauchwasser-Hygiene, die ausgerechnet im Temperaturbereich des maximalen Legionellen-Wachstums eine Lösung gefunden habe und in Kombination mit der Energiegewinnung ab einem bestimmten Punkt sogar rentabel sei. Der Detmolder Architekt Dipl.-Ing. Klaus Sander erläuterte die für die Wohnmedizin wichtige Arbeit des "Sachverständigen/Gutachters". Das Problem hierbei: Der Begriff sei rechtlich nicht geschützt. Ist es ein zertifizierter Sachverständiger, sei die Zertifizierungsstelle wesentlich. Der Bausachverständige werde meist erst im Fall eines offensichtlichen Mangels oder Schadens hinzugezogen. Seine Ergebnisse und Feststellungen tragen zur Beurteilung des Sachverhalts bei. "Wissen ansammeln, den Verstand einschalten und alles kritisch und mit Sachverstand hinterfragen - das zeichnet einen guten Sachverständigen und einen guten Architekten aus", so Sanders.

"Eine gute Innenarchitektur ist auch eine gesunde Innenarchitektur." Darauf wies der Innenarchitekt Dipl.-Ing. Jürgen Pukies (Detmold) hin. Es seien nicht nur die physischen Materialien und messbaren Komponenten, die eine gute Architektur ausmachten, sondern auch die psychologischen Wirkungsfelder von Form, Farbe und Material. Die Ansprüche an unsere Räume seien gestiegen. Räume sollten zusätzlich komfortabel, motivierend sein und das Wohlbefinden steigern. Wichtig sei das Wissen über die neuesten Baustoffe, Anwendungen und Erkenntnisse. Pukies: "Ein ausgeprägtes Netzwerkdenken ist wichtig, um alle am Bau Beteiligten in einem Team zu verbinden und um gemeinsam hochwertige Räume zu schaffen."

Beratung Schimmelpilznetzwerk: www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/schimmel/netzwerk-schimmelpilzberatung