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Detmold, 05. Juni 2016 11:25 Alter: 4 Jahr/e

"Zerstörung und Gewalt": Ausstellung im Finkehaus

Zum Thema Gewalt haben junge Gefangene der JVA Herford und Innenarchitektur-Studierende der Hochschule OWL gemeinsam drei Tage lang in der gefängniseigenen Tischlerei gearbeitet. Heraus kamen 14 sehenswerte Hocker mit sichtbaren Spuren von Gewalt, die am 7. Juni 2016 ab 19.30 Uhr im Finkehaus (Ecke Bruchstr./Paulinenstr.) zu sehen sind. Zeitgleich sind dort auch die Ergebnisse des Studierenden-Projekts "Under Destruction" ausgestellt.

Die sehr unterschiedlichen, zum Teil sehr persönlichen Transformationen der Hocker entstanden in intensiven wie humorvollen Prozessen. "Am meisten beeindruckte, wie schnell durch die gemeinsame Arbeit Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut wurden", so Prof. Verena Wriedt, die den Workshop gemeinsam mit der Hamburger Kunsttischlerin Hendrike Farenholtz leitete. Auslöser sei ein Projekt von "Aktion Mensch" gewesen, welches die Teilnahme von Gefangenen an gesellschaftlichen Prozessen mittels kreativer Gestaltung stärken soll.

Das sagen die Ausstellungsmacher: "Jeder kennt einen der Archetypen unter den Möbeln, den Hocker mit vier Beinen aus Holz, wie ihn auch ODDVAR von Ikea darstellt. Aufgrund dieses vertrauten, alltäglichen Möbelstücks sind jedem Betrachter die "Zeichen von Gewalt", die den Hockern zugefügt wurden, unmittelbar sichtbar. Dies wird durch die einem Hocker innewohnenden anthropomorphen Bezüge verstärkt (wie z.B. die von Gewalt gebrochenen oder gegenüber der Gewalt einknickenden Beine)." Dazu wurden die Einzelteile oder die zusammengebauten Hocker mit Stemmeisen, Zwingen, Zangen traktiert, angebrannt, verkleidet, mechanischer Gewalt ausgesetzt, durchstoßen (Piercing), gestochen (Tattoo) und gequetscht (Foto).

Mindestens so eindrucksvoll wie die entstandenen Arbeiten waren die schnell wachsende Offenheit und die gegenseitige Unterstützung zwischen Gefangenen und Studierenden. Die Gefangenen erarbeiteten sich mit großer Ernsthaftigkeit eine für sie neue Ausdrucksmöglichkeit. Auch für die Studierenden war die Arbeit unter den in der JVA herrschenden Bedingungen der "Klausur" eine Herausforderung. Dazu gehörte, die Smartphones an der Pforte abgeben zu müssen, ein sonst vielgenutztes Werkzeug bei der Recherche zu einer Arbeit. Der Workshop fand vom 19.-21. April in der Tischlerei der JVA Herford statt.

Ausstellung "Under Destruction"

Zeitgleich sind am 7. Juni im Finkehaus auch die Ergebnisse des Studierenden-Projekts "Under Destruction" unter Leitung von Prof. Ulrich Nether und dem Londoner Performancekünstler Fritz Faust zu sehen. Gezeigt werden fünf performative Arbeiten, die ebenfalls im Rahmen der Projektwoche "Detmolder Räume" Ende April entstanden. Dazu beschäftigten sich insgesamt 13 Bachelor- und Masterstudierende der Innenarchitektur mit dem Thema Zerstörung und seiner Bedeutung für die Materialität von Körper, Raum und das Selbst.

In der Vorbereitung wurde mithilfe verschiedener Kreativitätstechniken der Begriff der Zerstörung und dessen Zusammenhänge definiert. Die Studierenden entwickelten im Laufe der Recherche ein individuelles Verständnis für die Thematik und konzeptionierten die eigene künstlerische Arbeit. Dabei wurden unter anderem folgende Fragen erläutert: Jedem Schaffen (von Raum) liegt ein fundamentaler Akt der Zerstörung zugrunde. Wie bewusst ist dieser Prozess? Und hat der bewusste Akt der Zerstörung kreatives Potenzial? Ist Zerstörung beim Erschaffen nötig oder gar unerlässlich? In der Detmolder-Räume-Woche experimentierten die Studierenden mit der räumlichen Übersetzung der Konzepte. Am Ende entstanden zwei Videoarbeiten, zwei fotografische Werke und eine szenografische Installation.