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Prof. Dr. Holger Borcherding

Wie eine Transferprofessur die Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft baut

Transfer braucht Durchhaltevermögen

Vor etwa 15 Jahren wurde an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe erstmals das Modell der Transferprofessur (zur Erklärung) ins Leben gerufen. Die Idee entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen Holger Borcherding, Professor für Leistungselektronik (zur Erklärung) und elektrische Antriebe, und dem Unternehmen Lenze, bei dem Borcherding zuvor als Entwicklungsleiter arbeitete. Das Konzept ermöglichte ihm, über seine Professur hinaus einen Vertrag mit dem Unternehmen abzuschließen und Forschungserkenntnisse gezielt in die Praxis zu transferieren. 

Nun ist Ende 2025 eine neue Kooperation mit dem Detmolder Unternehmen Weidmüller entstanden. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen mit dem Konzept, seiner Motivation für dieses Modell sowie von seinen Plänen mit dem neuen Kooperationspartner Weidmüller. 

Im Gespräch mit Prof. Dr. Holger Borcherding

„Anwendungsnahe Forschung war mir immer besonders wichtig“

Herr Professor Borcherding, was muss man mitbringen, um in einer Transferprofessur aktiv werden zu können?

Vor allem muss man Lust haben, das überhaupt zu tun. Finanziell wird es nicht höher entlohnt, es handelt sich um eine rein berufliche Motivation. Entscheidend sind die Freude daran, etwas zu bewegen, sowie die Möglichkeit, neue Wege zu eröffnen. 

Man erhält viel Anerkennung für das gesamte Team. Unsere Arbeit wurde immer geschätzt und man kommt dadurch auch mit ganz neuen Kontakten in Berührung. Aber man muss natürlich viel Zeit aufwenden. 

Also würden Sie das Konzept der Transferprofessur weiterempfehlen?

Ja, natürlich. Ich könnte mir das grundsätzlich für viele andere Kolleginnen und Kollegen vorstellen. Es ist ein großer Vorteil, dass wir dieses innovative Modell anbieten – das wäre an anderen Hochschulen so nicht möglich. Insofern bin ich froh, an der richtigen Hochschule zu sein. Der ursprüngliche Vorschlag kam vor vielen Jahren von der Hochschule und nicht von der Firma. Da ich meine Professur nicht aufgeben wollte, war das für mich die richtige Gelegenheit. 

Jetzt haben Sie bereits einige Jahre mit der Firma Lenze kooperiert und kürzlich wurde ein neuer Vertrag mit Weidmüller unterzeichnet. Wie kam die neue Kooperation zustande? 

Nach 14 intensiven und erfolgreichen Jahren mit Lenze, in denen viele Innovationen bis zur Serienreife gebracht worden sind und parallel die Aufgaben in der Hochschule deutlich gewachsen sind, wollte ich mich eine Zeit lang auf die Hochschule konzentrieren. Deswegen haben wir die Kooperation mit Lenze im vergangenen Jahr auslaufen lassen. In dieser Zeit habe ich jedoch gemerkt: So ganz ohne kann ich auch nicht. 

In den letzten Jahren hatte ich mich intensiv mit Gleichstromtechnologie beschäftigt und dabei häufig Kontakt zu Weidmüller, da das Unternehmen mit eigenen Räumlichkeiten auf dem Innovation Campus Lemgo vertreten ist. So ergab sich das schließlich. 

Die Zusammenarbeit mit Weidmüller ist nun sehr stark projektbezogen. Es handelt sich um kleinere Projekte, die im Wesentlichen hier in der Hochschule bearbeitet werden. Wir unterstützen Weidmüller durch unser Knowhow, das wir in unserer Arbeitsgruppe breit aufgebaut haben. Parallel dazu wird eine wissenschaftliche Stelle mitfinanziert. Und das finde ich sehr spannend.

Wie genau kann man sich den Transfer vorstellen? Teilen Sie und Ihr Team Ihre Expertise, damit Weidmüller diese nutzen kann?

Ganz genau. Wir besprechen die anstehenden Aufgaben einmal im Quartal, also etwa: Was steht als Nächstes an? Diese Aufgaben werden dann von mir und dem Team hier bearbeitet.

Insofern unterscheidet sich diese Kooperation deutlich von der ersten. Alles findet im Wesentlichen hier an der Hochschule statt und nicht im Unternehmen, wie es bei Lenze der Fall war. Das ist deshalb aber keineswegs weniger spannend.

Und was erwartet die Studierenden im Rahmen dieser Zusammenarbeit mit Weidmüller? Profitieren sie ebenfalls davon? 

Auf jeden Fall. Ein wesentlicher Punkt ist, dass das, was ich in der Lehre vermittele, in der Praxis relevant ist. Durch die Zusammenarbeit mit Weidmüller weiß ich genau, was aktuell gebraucht wird. Dafür muss man nicht unbedingt jedes Jahr eine komplett neue Vorlesung aufbauen, aber man kann zielgerichtet akzentuieren.

Für mich ist das zugleich eine Form der Weiterbildung. In der Lehre selbst bekommt man nicht so viel davon mit, was in der Praxis passiert. Insofern ist es auch ein persönlicher Vorteil, so eng mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten. 

Beziehen Sie Ihre Studierenden in die Praxiskooperation mit Weidmüller mit ein? 

Sofern es möglich ist, ja. In unserem Fachbereich gibt es allerdings sehr viele dual Studierende. Etwa 80 % der von mir betreuten Abschlussarbeiten entstehen in Zusammenarbeit mit Partnern – also nicht nur Weidmüller oder Lenze, sondern auch weiteren Unternehmen. 

Sie sind bereits seit 2003 Professor an der TH OWL – also über 20 Jahre– und haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Transfer hier eine wichtige Rolle spielt. Wie haben Sie die Entwicklung des Transfers von Forschungsthemen in die Praxis und Gesellschaft in den letzten zehn bis zwanzig Jahren wahrgenommen?

Als ich damals an die Hochschule kam, dachte ich zunächst: Oh, eine schöne, klassische Fachhochschule. Forschung spielte zu diesem Zeitpunkt noch keine große Rolle, vielmehr handelte es sich um eine solide, stark auf Lehre ausgerichtete Hochschule. Sie war gut strukturiert, die Räume waren gepflegt, die Verwaltung funktionierte.

Gleichzeitig hatte ich das Glück, in einen Fachbereich zu kommen, der den Anspruch hatte, sich weiterzuentwickeln. Das ist auch der Grund, warum wir überhaupt so viel umsetzen konnten. Ich war dabei nie allein, sondern wir hatten von Anfang an ein gutes Klima im Fachbereich.

Unsere Hochschule hat zudem das große Glück, in einem Umfeld angesiedelt zu sein, das ich als ein „Schlaraffenland“ für Automatisierung und Elektrotechnik bezeichnen würde. Solch eine mittelständisch geprägte Region mit zugleich bedeutenden großen Unternehmen gibt es in dieser Form in Deutschland nicht nochmal. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fachbereich diese Entwicklung so nehmen konnte, war in der Elektrotechnik besonders hoch – das ist schlicht dem Umfeld geschuldet.

Über die Jahre hat sich dadurch sehr viel verändert. Ausschlaggebend war der Wille der Kolleginnen und Kollegen des Fachbereichs gemeinsam mit dem Präsidium, deutlich intensiver mit Unternehmen zusammenzuarbeiten. Man war sich einig, dass wir hier etwas aufbauen wollen. Dabei hat jeder seinen Beitrag geleistet. Und heute gehören wir damit zur Spitze in Deutschland. 

Für Ihre wissenschaftlichen Transferleistungen in die Anwendung wurden Sie bereits mehrfach ausgezeichnet – zuletzt vor etwa einem Jahr mit dem Transferpreis der TH OWL. Was begeistert Sie daran, Ihre Expertise nicht nur mit Studierenden und Wissenschaftler:innen zu teilen, sondern sich auch intensiv um eine Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu bemühen?

Ein Freund von mir ist ebenfalls Professor – in Osnabrück. Als wir beide noch in der Industrie tätig waren, arbeitete er bei einem Telekommunikationsunternehmen. Immer, wenn ein Produkt serienreif war, änderte der Hauptabnehmer kurzfristig die Anforderungen, sodass das Produkt nicht auf den Markt gebracht werden konnte. Er hat, glaube ich, drei neue Produkte entwickelt und keines davon ist auf den Markt gekommen. Da habe ich mir gedacht: Das passiert mir nicht.

Ich habe mir immer selbst gesagt: Wenn ich etwas mache, dann soll es am Ende auch mit einem Return on Investment auf den Markt kommen. Anwendungsnahe Forschung war mir immer besonders wichtig, nicht immer wieder etwas Neues anzufangen, sondern durchzuhalten und Projekte bis zum Erfolg zu führen – auch wenn es lange dauert. 

Das heißt, Sie haben dann mit Ihren Forschungserkenntnissen auch die Möglichkeit, diese direkt zu testen und in die Praxis umzusetzen?

Ja, sicher. Im Wesentlichen geht es darum, Dinge zu entwickeln, die auch von anderen eingesetzt werden können. Das war meine Motivation: dass die Ergebnisse am Ende von jemandem gewinnbringend genutzt werden. Dass Forschung nicht um ihrer selbst willen betrieben wird, sondern dass sie gebraucht wird und tatsächlich zur Anwendung kommt.

Aber man muss eben durchhalten. Wenn man wirklich möchte, dass etwas erfolgreich ist, muss man lange dranbleiben – deutlich länger, als man im ersten Moment glaubt. Es dauert zwei Jahre, manchmal sechs Jahre, bis etwas so weit ist, dass man es aus der Hand geben kann. 

In diesem Zusammenhang sind auch die Ehrungen entstanden. Den ersten Preis habe ich vor allem für die Kooperation mit Lenze erhalten, den zweiten für den Hub DC-Innovation, den ich mit aufgebaut habe. Ich bin der Hochschule dankbar, dass sie solche Anerkennungen vergibt. Ich habe das Gefühl, dass unsere Hochschule vieles richtig macht, um die Wertigkeit bestimmter Arbeiten sichtbar zu machen. Deshalb bin ich durchaus gerne hier.

Nun stehen im Rahmen der Kooperation mit Weidmüller spannende Jahre bevor. Gibt es bereits konkrete Projekte, die Sie gerne umsetzen möchten?

Ja, das machen wir sogar schon. Für den Einstieg haben wir bewusst etwas gewählt, bei dem mein Team schnell Ergebnisse liefern kann. Langfristige Fragestellungen folgen danach. 

Inhaltlich bewegt sich das Ganze im Bereich der Leistungselektronik. Zu den konkreten Projekten möchte ich aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen.

Vielen Dank für das spannende Interview. Wir sind gespannt, was wir in Zukunft von dieser Zusammenarbeit erfahren!

zur Erklärung

Lexikon

Transferprofessur

ist ein von der TH OWL ins Leben gerufenes Modell, um anwendungsnahe Forschung zu ermöglichen und diese direkt in die Praxis des Kooperationspartners zu transferieren.

Leistungselektronik

befasst sich als Bereich aus der Elektrotechnik wie elektrische Energie mithilfe elektronischer Bauteile gesteuert, umgewandelt und angepasst wird. So bekommen Geräte die benötigte Spannung.