#10 Stadt der Zukunft : sozial

REGIONALER SALON

#10 Stadt der Zukunft : sozial

Mit dem anhaltenden Druck auf den Wohnungsmarkt entstehen neue  Auf- aber auch Abwertungsdynamiken ganzer Quartiere, welche die ohnehin voranschreitende Segregation der Bevölkerung beschleunigen kann. Es besteht die Gefahr ganzer abgehängter Stadtteile und Schichten. Dies wiederum führt zu einem erhöhten Konfliktpotential zwischen den ausdifferenzierten Gruppen. Ist das Programm Soziale Stadt dieser Herausforderung gewachsen?

Das "Quartier" als Interventionsebene

Quartier und Nachbarschaft haben zweifelsohne Konjunktur. Dies wurde in allen Fachbeiträgen im Rahmen des Regionalen Salons mehr als deutlich. Generell kann das Programm "Soziale Stadt" heute als etablierter Politikansatz gelten. Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat das Quartier sogar zu einer zentralen Förderkategorie erhoben. Mit dem aktuellen Zuschnitt eines Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung wird diese Fokussierung offenbar fortgesetzt.In seiner konfliktsoziologischen Betrachtung reflektiert Dr. Jörg Hüttermann die Ambivalenzen von Segregation im städtischen Kontext und hinterfragt die oftmals dominierende Engführung des Diskurses auf die sozialräumliche Konzentration bestimmter ethnisch-religiöser Minoritäten, heute zunehmend solchen muslimischen Glaubens. Gefahren der Ethnisierung sozialer Ungleichheit und der Zuspitzung von Konfliktpotenzialen sieht er vor allem dann, wenn sich Erfahrungen fehlender Teilhabe und Diskriminierung in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Arbeits- und Wohnungsmarkt, politische Partizipation) miteinander verschränken und verstärken.In seiner Bilanz des Programms "Soziale Stadt" stellt Ralf Zimmer-Hegmann sowohl die Chancen als auch die Restriktionen der Quartiersebene für die soziale Integration insbesondere der von Marginalisierung betroffenen Individuen und Gruppen heraus. Der Sozialraum bezogene Ansatz wird grundsätzlich als zielführend betrachtet, wenn auch dessen Reichweite in struktureller Hinsicht als begrenzt gelten muss. Insbesondere die finanzielle Handlungsfähigkeit der Kommunen und deutlichere gesamt-gesellschaftliche politische Prioritätensetzungen in der Armutsbekämpfung werden als Voraussetzung für den Wirkungserfolg von Quartierspolitik gesehen.Zwar würdigt Volker Kersting die integrativen Beiträge des Programms Soziale Stadt. Er sieht angesichts der starken Zunahme von Kinderarmut insbesondere in Städten des Ruhrgebiets und der vergleichsweise eher homöopathischen Dosierung darin aber kein Instrument zur Armutsbekämpfung. Trotz erkennbar zunehmender Armutskonzentration in benachteiligten und benachteiligenden Nachbarschaften darf dennoch die disperse Armut in den Städten nicht aus dem Blick geraten.Auf der Suche nach Ansatzpunkten zur politischen Gegen-steuerung bei residentieller Armutssegregation setzt Marcel Cardinali bei den push- und pull-Faktoren für sozial selektive Zu- und Wegzüge in der "Sozialen Stadt" an. Ohne sich in reduktionistischer Weise dem traditionellen "Container"-Verständnis von Raum zu verschreiben, kommt sein Beitrag einem Plädoyer für baulich- städtebauliche Qualitätsverbesserungen gleich, da er nur so eine Adressierung auch der benachteiligenden Umfeldbedingungen gewährleistet sieht. Während ihre Chancen beschränkenden Wirkungen minimiert werden, soll durch zusätzliche Attraktoren (z.B. lokale Bildungslandschaft, heterogene Wohnkarrieren, gruppenübergreifende Begegnungsorte) das Quartier als Chancen generierendes ("gesundes") Lebensumfeld und sozialer Erfahrungsraum für unterschiedliche Milieus entwickelt werden.Letztlich betonen alle Referenten, dass substanzielle Wirkungserfolge bei der Armutsbekämpfung und einer anti-segregativen Stadtpolitik nicht ohne stabile sozialstaatliche Sicherungssysteme und eine aktive öffentliche Förderung des sozialen Wohnungsbaus zu erreichen sind.

Keynote

Dr. Jörg Hüttermann,IKG, Universität Bielefeld - Zwischen Willkommens-kultur und neuen Gräben - Die Bedeutung einer inklusiven Gesellschaft

Ralf Zimmer-Hegmann,  ILS - Institut für Landes- und Entwicklungsforschung - Soziale Integration im Quartier

 

Aus der Praxis

Volker Kersting, Stadtforschung, Mülheim an der Ruhr - Soziale Stadt: über die (begrenzte) Reichweite von Quartierspolitik

 

Aus der Region

Tim Rieniets, Stadtbaukultur NRW - Heimatwerker - Wer baut der bleibt!

 

Statement

Marcel Cardinali, urbanLab - Milieus und ihre Wohnanforderungen - Warum in der sozialen Stadt wieder mehr gebaut werden muss

 

Moderation

Prof. Dr. Reiner Staubach

Ermöglicht durch eine freundliche Förderung der Hochschulgesellschaft Ostwestfalen-Lippe e.V.

Kontakt

Ansprechpartnerin

 

Projektleitung Wissenstransfer

Johanna Julia Dorf, M.A. Innenarchitektur

+49 5231 769 6454

johanna.dorf(at)th-owl.de