Prof. Dr. Christiane Lübke
Der Klimawandel und wir: Wie Menschen der sozialökologischen Transformation begegnen
An der TH OWL entstehen durch Forschung oft Innovationen zum Anfassen: Fahrzeuge, Möbel, Werkstoffe, Steckverbindungen – Dinge eben. Oder Digitales: Software, KI-Anwendungen, Schnittstellen, IT-Komponenten, virtuelle Realitäten. Dahinter stecken dann Wissenschaftler:innen aus Bereichen wie Ingenieurwesen, Technologie, Informatik oder Design.
Professorin Dr. Christiane Lübke beschäftigt sich als Sozialwissenschaftlerin mit ganz anderen Themen. Sie blickt nicht auf Baupläne oder Systemanforderungen. Sie blickt auf: Menschen. Genauer, Menschen und ihr Verhalten zur Klimakrise. Christiane Lübke forscht dazu, wie Menschen – oder anders gesagt: Haushalte und Familien – die vielfältigen Herausforderungen der sozialökologischen Transformation (zur Erklärung) bewältigen. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Fragen nach Umweltbewusstsein, nachhaltigem Verhalten und sozialen Bedingungen. „Mich interessiert etwa das Umweltbewusstsein: Welche Umweltprobleme werden als relevant wahrgenommen, wie ernst wird der Klimawandel eingeschätzt und welche individuelle Bereitschaft besteht, aktiv etwas dagegen zu tun?“, erklärt sie.
Umweltbewusstes Verhalten muss zum Alltag passen
Neben Einstellungen analysiert Christiane Lübke zudem auch das Umweltverhalten: Welche alltäglichen Handlungen schaden Klima und Umwelt, welche Alternativen stehen zur Verfügung, und welche Faktoren beeinflussen die tatsächliche Umsetzung nachhaltiger Lebensstile? Hier wird deutlich, dass reines Bewusstsein oder Bildung allein Verhaltensänderungen nicht garantieren. „Man kann den Menschen noch so erklären, dass ein Verhalten notwendig ist – wenn es nicht in den Alltag passt, funktioniert es nicht“, so Lübke. Eine Erkenntnis, die ihr beim Durchführen einer Studie zum Verkehrsverhalten mit Pendler:innen im Ruhrgebiet eindrücklich bewusst wurde: Ihnen wurde ein kostenloses Monatsticket für den Nahverkehr zur Verfügung gestellt, ein vielversprechendes Angebot. Dennoch stiegen viele nach kürzester Zeit wieder auf das Auto um, weil die Fahrt mit den Öffis nicht in ihren Alltag mit Kinderbetreuung oder anderen Aufgaben passte. Wer nach der Arbeit die Kinder von Kita und Schule abholen, Einkäufe erledigen oder die Oma im Pflegeheim besuchen muss, für den sind Umsteigen, Wartezeiten und Verspätungen oft der entscheidende Stress- und Zeitfaktor zu viel.
Es geht also nicht nur um Infrastukturangebote, sondern um Lebensumstände. Christiane Lübke betrachtet daher die strukturellen Bedingungen nachhaltiger Lebensführung: Haushaltssituation, Erwerbstätigkeit, Zeitressourcen, Paarsituation, soziale Netzwerke – all diese Faktoren beeinflussen, wie umweltfreundlich Menschen leben können. Auch Privilegien spielen eine Rolle: Wer über höhere finanzielle oder soziale Ressourcen verfügt, verursacht etwa durch Reiseverhalten nicht nur einen größeren CO2-Fußabdruck, sondern kann auch leichter nachhaltige Entscheidungen treffen – trägt also eine höhere Verantwortung. Christiane Lübke betont, dass Ungleichheiten und soziale Konflikte in der Transformation sichtbar gemacht werden müssen, um faire und realistische Strategien zu entwickeln. Und dass der Blick nicht auf dem Individuum haften bleiben darf.
Die Strukturen, in denen wir uns bewegen
Denn umweltfreundliches Verhalten kann nur dann nachhaltig sein, wenn es in gesellschaftliche Strukturen eingebettet wird. Infrastruktur, gesetzliche Rahmenbedingungen, kulturelle Normen und alltägliche Gewohnheiten sind förderlich dafür, dass nachhaltiges Verhalten überhaupt umgesetzt werden kann. Christiane Lübke erklärt, dass die Transformation nicht als individuelle Aufgabe verstanden werden darf: „Solange es auf die Einzelperson abgewälzt wird, entstehen Konflikte und Frustration. Wir brauchen strukturelle Veränderungen, die umweltfreundliches Verhalten zum normalen Alltag machen.“
Debatten einordnen, eine wissenschaftliche Perspektive anbieten
Dieses Spannungsfeld zwischen individuellem Verhalten und strukturellen Bedingungen hat sie zuletzt auch in einem Reel auf Instagram verdeutlicht. Es ging darin um den aktuellen Longevity-Trend – also wie man sich selbst ein möglichst langes Leben verschafft. Die gängigen Tipps sind: Man muss es nur wollen, gesunde Ernährung, Disziplin und viel Schlaf helfen. Dem hält Christiane Lübke gemeinsam mit ihrer Kollegin Ann-Kristin Kuhnt von der Universität Rostock entgegen: Gesundheit ist gemeinschaftliche Verantwortung. Ingwershots bringen nur bedingt etwas, wenn wichtige Umweltfaktoren nicht passen. Die beiden zeigen anschaulich auf, was wirklich entscheidend ist – etwa, wo man lebt, wie gut der Zugang zu Grünflächen und zu medizinischer Versorgung ist, wie niedrig die Feinstaubbelastung.
Christiane Lübke bietet nicht nur in dieser gesellschaftlichen Debatte ihre wissenschaftliche Perspektive an. Auch zu anderen öffentlich geführten Diskursen bringt sie sich in Videos auf ihrem Instagram-Profil ein und ergänzt ihren umweltwissenschaftlichen Blick auf die Dinge. Mit dieser innovativen Form der Wissenschaftskommunikation möchte sie nicht nur das Bewusstsein für umweltwissenschaftliche Sichtweisen schärfen, sondern auch Interesse für die Studiengänge Umweltwissenschaften und Umweltingenieurwesen an der TH OWL wecken und ein Angebot schaffen, sich im Studium selbst mit diesen Themen auseinanderzusetzen.
Professorin Dr. Christiane Lübkes Weg an die TH OWL

Seit 2024 ist Christiane Lübke Professorin für das Lehrgebiet „Umwelt und Gesellschaft“ im Fachbereich Bauen und Umwelt an der TH OWL. Die promovierte Soziologin war vorher am Lehrstuhl für empirische Sozialstrukturanalyse der Universität Duisburg-Essen sowie am Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen in Bochum tätig.
Sie bringt damit ihre langjährige Forschungserfahrung und ihr Interesse an gesellschaftlichen Transformationsprozessen in die interdisziplinäre Ausbildung im Bachelorstudiengang Umweltwissenschaften ein. Dort vermittelt sie Studierenden sozialwissenschaftliche Methoden und Denkweisen. So erwerben die Studierenden neben naturwissenschaftlichen und technischen Kompetenzen auch ein Verständnis für gesellschaftliche Strukturen, Kommunikation und Verhaltensdynamiken.
Ihre methodische Arbeit verbindet quantitative Umfragen mit qualitativen Einsichten. Christiane Lübke untersucht, wie sich Einstellungen und Verhalten verändern, und identifiziert dabei Herausforderungen bei Messinstrumenten und Methoden. Dabei zeigt sich, dass es nicht nur um die Erhebung von Daten geht, sondern auch darum, die richtigen Fragen zu stellen und Trends frühzeitig zu erkennen, damit Verwaltung, Politik und Gesellschaft besser auf die Herausforderungen der sozialökologischen Transformation reagieren können.
Gleichzeitig erforscht sie, unter welchen sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen eine gesellschaftliche, sozialökologische Transformation erfolgreich gestaltet werden kann.
„Ich möchte den Blick anderer für gesellschaftliche Zusammenhänge schärfen“

Von ihrer persönlichen Motivation, wie ihr Arbeitstag aussieht und warum man sich manchmal auch durch langweilige Buchkapitel quälen muss, erzählt Christiane Lübke im Gespräch:
Wie starten Sie in Ihren Arbeitstag und was darf dabei nicht fehlen?
Mit Kaffee! Und dann sitze ich erstmal ganz klassisch am Rechner, schaue in die Mails und strukturiere den Tag. Die Mittagspause ist mir sehr wichtig – für Austausch mit Kolleg:innen und um den Kopf frei zu bekommen. Wir haben im Kollegium einen sehr tollen Zusammenhalt. Fast jede Mittagspause verbringen wir im großen Kreis zusammen, das empfinde ich jedes Mal als besonders schön und bereichernd.
Was macht Ihnen an der Arbeit am meisten Freude?
Die Arbeit mit Studierenden und die Konzeption meiner Lehrveranstaltungen. Ich finde es so spannend, mir immer neue Ansätze zu überlegen, wie ich in den Austausch mit meinen Studierenden kommen kann. Die Freiheiten hier an der TH OWL sind da wirklich groß und darüber freue ich mich sehr. Zum Beispiel habe ich einen Lektürekurs angeboten, in dem wir gemeinsam ein Buch gelesen, diskutiert und kritisch hinterfragt haben. Das war ein interessanter Prozess: Wir haben einzelne Themen des Buches aufgegriffen und vertieft. Oder auch an einigen Stellen gemerkt: Die Argumentation des Autors hat durchaus auch Lücken. Manche Kapitel waren auch eher anstrengend zu lesen – auch eine Erfahrung, die beim Erschließen neuer Inhalte dazu gehört. Die Studierenden waren echt motiviert bei der Sache, das hat viel Freude gemacht.
Wie gelingt Ihnen der Ausgleich außerhalb der Arbeit?
Ich erkunde die Umgebung hier in Höxter gern mit meinem E-Bike, lese viel und höre Podcasts. Da bin ich auf einen richtigen Schatz an Inhalten gestoßen und tauche richtig ab: Besonders faszinierend finde ich Vorlesungen aus anderen Disziplinen, die gesellschaftliche Zusammenhänge beleuchten.
Was motiviert Sie in Ihrer Forschung?
Mich begeistert, dass wir das Verhalten der Menschen unserer Gesellschaft verstehen können und daraus konkrete Impulse ableiten. Beispielsweise für die Gestaltung umweltfreundlicherer Strukturen, für politische Maßnahmen oder für Bildungsansätze, die nachhaltiges Handeln erleichtern und fördern. Was mich auch jeden Tag motiviert und begeistert, ist das Engagement der Studierenden, die spürbar viel Energie für Umwelt- und Klimaschutz mitbringen. Ich möchte ihnen zeigen, wie sie wissenschaftlich arbeiten, sich Wissen aneignen und ihre sozialwissenschaftlichen Kenntnisse auch später mit in ihre Berufe tragen können. Bei mir studieren Menschen mit unterschiedlichsten beruflichen Vorerfahrungen und Zielen. Mir ist es wichtig, ihren Blick für gesellschaftliche Zusammenhänge zu schärfen und ihr Bewusstsein für diese Fragen zu stärken. Wenn sie später beispielsweise als Umweltingenieur:innen arbeiten, ist es besonders wertvoll, wenn das im Studium erworbene sozialwissenschaftliche Know-how in ihre Planungs- und Entscheidungsprozesse einfließt.
Welche Tipps haben Sie für junge Menschen, die sich für Forschung interessieren?
Am wichtigsten ist die Fähigkeit, Wissen zu erwerben und wissenschaftlich zu arbeiten. Fakten ändern sich schnell, aber wer methodisch gut ausgebildet ist, kann sich neues Wissen erschließen und langfristig handlungsfähig bleiben. Am entscheidendsten aus meiner Sicht: Neugier, Durchhaltevermögen und Offenheit für interdisziplinäre Arbeit.
Lexikon
bezeichnet den tiefgreifenden Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft hin zu ökologisch nachhaltigen Strukturen und Verhaltensweisen. Dabei geht es nicht nur um den Klimaschutz, sondern auch um gerechte Verteilung von Ressourcen, soziale Teilhabe und Anpassung von Lebensstilen, Normen und Infrastrukturen.
