Prof. Dr. Sebastian Ulrich
Wo gute Fragen wichtiger sind als schnelle Antworten

Alle Bilder: Dajana Dopatka / TH OWL
Wer am Ende der Sommerferien schon mal eine Brotdose aus der Schultasche seines Kindes gefischt und die Kraft gefunden hat, sie zu öffnen, weiß: Schimmel ist eine mächtige Lebensform. Und wer sich vor dem anstehenden pädagogischen Konfliktgespräch noch kurz Zeit nimmt, einen genaueren Blick drauf zu werfen, was in sechs Wochen wie auf magische Weise entstehen kann, sieht: eine außergewöhnlich Schöne noch dazu.
Die Welt der Angewandten Mikrobiologie
Professor Dr. Sebastian Ulrich sieht in einer verwunschenen Brotdose vor allem ein faszinierendes Zusammenspiel von Mikroorganismen, Stoffwechselprozessen und biologischen Wechselwirkungen. Für den Leiter des Bereichs Angewandte Mikrobiologie und Hygiene an der TH OWL sind Schimmelpilze (zur Erklärung) und andere Mikroorganismen ein Schlüssel zum Verständnis biologischer Prozesse – und Ausgangspunkt für zahlreiche Forschungsprojekte.
Mikroorganismen begegnen uns überall: Sie leben auf unserer Haut, in Lebensmitteln, in Gebäuden und in technischen Anlagen. Meist nehmen wir sie erst wahr, wenn sie Probleme verursachen: wenn Lebensmittel verderben, sich Schimmel in der Wohnung bildet oder wir mit ihnen als Krankheitserreger in Berührung kommen. Professor Dr. Sebastian Ulrich versteht sie jedoch als komplexe Lebewesen, deren Eigenschaften helfen können, Krankheiten besser zu verstehen, Lebensmittel sicherer zu machen oder sogar nachhaltige Materialien für die Zukunft zu entwickeln.
„Die Mikrobiologie (zur Erklärung) ist ein Allrounder", sagt der habilitierte Professor und Tierarzt. „Sie trägt zahlreiche interdisziplinäre Anknüpfungspunkte in sich – das macht sie so vielseitig und spannend."
Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch in der Arbeit seiner Forschungsgruppe wider. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Fragestellungen aus der Lebensmittelsicherheit, der medizinischen Hygiene, der industriellen Mikrobiologie und der Biotechnologie. Gemeinsam ist allen Projekten ein Ziel: Mikroorganismen besser zu verstehen, um daraus Lösungen für Gesellschaft und Wirtschaft zu entwickeln.
Sein Team besteht aus wissenschaftlichen Mitarbeitenden, Promovierenden, technischen Mitarbeitenden und Studierenden. Professor Dr. Sebastian Ulrich versteht die Arbeitsgruppe als lernende Gemeinschaft, in der junge Forschende früh Verantwortung übernehmen und eigene Ideen entwickeln können. Erfahrene Wissenschaftler:innen begleiten den Nachwuchs, Promovierende unterstützen sich gegenseitig – fachlich ebenso wie bei den vielen organisatorischen Fragen des Forschungsalltags. Die moderne Laborausstattung der TH OWL schafft dafür optimale Voraussetzungen. So entsteht eine Kultur, in der Neugier, Offenheit und gegenseitige Unterstützung ebenso wichtig sind wie wissenschaftliche Qualität.



Wissenschaft als Detektivarbeit

Immer wieder wenden sich Unternehmen an sein Team, weil klassische Routinelabore keine eindeutige Antwort mehr finden. Ein Lebensmittel verdirbt plötzlich, obwohl alle Qualitätskontrollen unauffällig sind. Ein Produkt funktioniert seit Jahren problemlos in Europa – und zeigt nach der Einführung auf einem asiatischen Markt völlig neue Abweichungen. Oder Mikroorganismen überstehen selbst aufwendige Reinigungsprozesse und besiedeln technische Anlagen dauerhaft.
„Wir fangen häufig dort an, wo andere Labore aufhören", beschreibt Ulrich seine Arbeit. Während akkreditierte Labore festen Untersuchungsabläufen folgen, kann sein Team neue Wege gehen.
Warum konnte sich ausgerechnet dieser Mikroorganismus durchsetzen? Welche Bedingungen verschaffen ihm einen Vorteil? Welche Eigenschaften machen ihn so widerstandsfähig? Für Ulrich gleicht jede dieser Fragestellungen einem Rätsel und motiviert ihn, über den fachlichen Tellerrand zu schauen. Sein Team geht diesen Fragen auf den Grund und entwickelt spezielle Nährmedien, verändert Kulturbedingungen oder kombiniert etablierte Methoden miteinander. Dabei kommt auch ein hochmodernes Gerät zum Einsatz, über das deutschlandweit nur zwei Hochschulen verfügen – der MALDI Biotyper: Mit ihm führen die Forscher:innen die MALDI-TOF-Massenspektrometrie (zur Erklärung) durch – Mikroorganismen lassen sich damit sehr schnell identifizieren.
Die Antworten helfen nicht nur dabei, akute Probleme zu lösen. Sie erweitern zugleich das grundlegende Verständnis darüber, wie Mikroorganismen leben, miteinander interagieren und ihre Umwelt besiedeln. Genau dieses Zusammenspiel aus konkreter Anwendung und wissenschaftlicher Neugier prägt die Forschung von Sebastian Ulrich.
Die unterschätzte Welt der Schimmelpilze
Seit vielen Jahren beschäftigen Sebastian Ulrich vor allem Schimmelpilze. Was für viele Menschen vor allem ein Zeichen verdorbener Lebensmittel oder feuchter Wände ist, eröffnet ihm eine hochkomplexe biologische Welt.
Ein Schimmelpilz, für den er sich besonders interessiert, ist der Stachybotrys chartarum. Einige Vertreter dieser Gattung bilden hochpotente Mykotoxine (zur Erklärung) – giftige Stoffwechselprodukte, die für Mensch und Tier gesundheitliche Risiken darstellen können.
In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt untersucht Sebastian Ulrich mit seinem Team, welche Gene (zur Erklärung) und Proteine (zur Erklärung) an der Entstehung dieser giftigen Stoffwechselprodukte beteiligt sind und wie ihr Biosynthese-Prozess (zur Erklärung) im Detail abläuft. Der Doktorand Meyyappan Meyyappan realisiert dazu derzeit seine Promotion im Bereich Grundlagenforschung:
Grundlagenforschung zu einem kaum erforschten Schimmelpilz

„Stachybotrys chartarum ist ein interessanter Pilz. Weltweit beschäftigen sich nur sehr wenige Forschungsgruppen mit diesem Organismus“, sagt Doktorand Meyyappan Meyyappan. Der Schimmelpilz kommt vor allem in feuchten Gebäuden oder auf organischem Material vor und kann extrem gesundheitsschädliche Giftstoffe bilden. Ziel der Arbeit ist es, die Gene und Proteine zu charakterisieren, die an der Bildung sogenannter makrozyklischer Trichothecene (zur Erklärung) beteiligt sind, einer Gruppe besonders wirksamer Pilzgifte.
Meyyappan untersucht dazu zunächst, welche Gene an der Toxinproduktion beteiligt sind und an welcher Stelle in der Zelle die entsprechenden Proteine nach ihrer Bildung vorkommen. Mithilfe molekularbiologischer Methoden, Mikroskopie und moderner Analyseverfahren wie der Massenspektrometrie soll Schritt für Schritt entschlüsselt werden, wie der Pilz diese komplexen Stoffwechselprodukte herstellt. Perspektivisch spielen dabei auch CRISPR-basierte Verfahren (zur Erklärung) eine Rolle: Sie ermöglichen es, einzelne Gene gezielt auszuschalten oder zu verändern, um ihre Funktion bei der Toxinbildung eindeutig nachzuweisen. Die so erzeugten Mutanten können anschließend mit dem ursprünglichen Pilz verglichen werden.
Meyyappan betreibt mit seiner Promotion eine wichtige Grundlagenforschung. Ein besseres Verständnis der Stoffwechselprozesse kann künftig dazu beitragen, Gesundheitsrisiken genauer einzuschätzen und neue Nachweisverfahren für diesen Schimmelpilz zu entwickeln. Gleichzeitig eröffnen die Erkenntnisse und der für diesen Pilz entwickelte genetische Werkzeugkasten langfristig auch Perspektiven für biotechnologische oder pharmazeutische Anwendungen. Einige der von dem Pilz gebildeten Naturstoffe werden bereits auf ihr Potenzial für neue Wirkstoffe untersucht, etwa in der Krebsforschung.



Von der Erkenntnis zur Anwendung
Für Professor Dr. Sebastian Ulrich gehören Grundlagenforschung und Anwendung untrennbar zusammen. Manche Projekte beginnen mit einer wissenschaftlichen Fragestellung, andere mit einem konkreten Bedarf aus Unternehmen oder Gesellschaft. Gemeinsam ist ihnen ein Ziel: Mikroorganismen so gut zu verstehen, dass aus diesem Wissen neue Lösungen entstehen können.
Wie unterschiedlich dieser Weg aussehen kann, zeigt ein Blick auf die Forschung seiner Arbeitsgruppe. Während Meyyappan Meyyappan die biologischen Mechanismen eines kaum erforschten Schimmelpilzes entschlüsselt, richtet sich der Blick in einem anderen Promotionsprojekt bereits auf eine konkrete Anwendung: Justin Debrassine entwickelt in seiner Forschung nachhaltige Proteinquellen für die Lebensmittelproduktion:
Angewandte Forschung, die direkt ins Startup einfließt

Im Mittelpunkt seiner Promotion steht dabei die Frage, wie sich unterschiedliche Kohlenstoff- und Stickstoffquellen auf Wachstum, Biomassebildung und Proteingehalt des Pilzes Cladosporium herbarum auswirken. Ziel ist es, die optimalen Bedingungen für dessen Kultivierung zu identifizieren und so die Grundlage für eine effiziente Herstellung von hochwertigem Pilzprotein zu schaffen.
„Mein Ziel ist es, den Pilz zu verstehen und sein Wachstum zu optimieren: Ich möchte lernen, was der Pilz zum Wachsen braucht. Und dann möglichst schnell möglichst viel Biomasse mit einem hohen Proteingehalt erzeugen“, sagt Doktorand Justin Debrassine, der einen Master in Processing in Life Science hat.
Denn die braucht Debrassine für ein weiteres Vorhaben: Seine Forschung ist eng mit dem Start-up-Projekt PureSpore verknüpft, das unter der Leitung von Prof. Dr. Sebastian Ulrich im Rahmen von Start-up Transfer.NRW gefördert wird. Gemeinsam mit Florian Rempel verfolgt Debrassine darin das Ziel, bislang ungenutzte Nebenströme aus der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie durch Fermentation in hochwertige Proteinbestandteile umzuwandeln. So könnten künftig nachhaltige, vegane und allergenarme Proteine entstehen, die deutlich weniger Wasser, Fläche und CO₂ verursachen als tierische Eiweißquellen.
Um die optimalen Wachstumsbedingungen des Pilzes zu ermitteln, nutzt Debrassine eine statistische Versuchsplanung (Design of Experiments, DOE). Mit dieser Methode lassen sich zahlreiche Einflussfaktoren gleichzeitig untersuchen, ohne hunderte Einzelversuche durchführen zu müssen. Das spart Zeit und Ressourcen und liefert gleichzeitig belastbare Erkenntnisse für die spätere industrielle Anwendung.
Für Debrassine ist die Promotion weit mehr als ein wissenschaftliches Forschungsprojekt. Gemeinsam mit Florian Rempel arbeitet er daran, die Ergebnisse in die Praxis zu überführen und aus der Forschung eine Unternehmensgründung entstehen zu lassen.



Eine Kultur des gemeinsamen Forschens

Obwohl Justin Debrassine und Meyyappan Meyyappan an unterschiedlichen Themen arbeiten, verstehen sie sich nicht als Einzelkämpfer. Im Gegenteil: Der regelmäßige Austausch innerhalb der Arbeitsgruppe gehört für beide selbstverständlich dazu. Während Meyyappan seine Erfahrung aus der mikrobiologischen Grundlagenforschung einbringt, denkt Debrassine viele Fragestellungen bereits aus der Perspektive späterer industrieller Anwendungen. Beide profitieren von den unterschiedlichen Blickwinkeln – fachlich ebenso wie persönlich. Gerade für Meyyappan, der für seine Promotion nach Deutschland gekommen ist, war die Unterstützung durch das Team beim Ankommen an der TH OWL von großer Bedeutung.
Für Professor Dr. Sebastian Ulrich ist genau diese Zusammenarbeit ein wesentlicher Bestandteil guter Forschung. Einmal im Monat treffen sich die drei, um Ergebnisse zu diskutieren, Herausforderungen offen anzusprechen und neue Meilensteine zu definieren. Dazwischen arbeiten die Forschenden eigenverantwortlich an ihren Projekten. „Man braucht Zeit, um tief in ein Thema einzutauchen“, sagt Ulrich. Gleichzeitig sei es wichtig, regelmäßig einen Schritt zurückzutreten, den eigenen Fortschritt zu reflektieren und neue Impulse aus dem Team mitzunehmen.
Forschung verständlich machen
Forschung endet für Professor Dr. Sebastian Ulrich nicht mit einer wissenschaftlichen Publikation. Ihm ist wichtig, dass neue Erkenntnisse auch dort ankommen, wo sie im Alltag einen Unterschied machen – bei den Menschen. „Viele nehmen Mikroorganismen als Gefahr wahr. Aber“, sagt Ulrich „sie sind auch eine Ressource“. Sein Ziel ist ein sachlicher Umgang mit der unsichtbaren Welt der Mikroorganismen. Einer, der weder von Angst noch von Sorglosigkeit geprägt ist. Dafür braucht es vor allem verständliche Wissenschaftskommunikation.
Wie groß der Informationsbedarf ist, erlebt er immer wieder im direkten Austausch mit der Öffentlichkeit. Viele Menschen begegnen Mikroorganismen täglich, wissen jedoch nur wenig über ihre tatsächliche Bedeutung. Bereits grundlegendes Wissen kann helfen, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden, Gesundheitsrisiken besser einzuschätzen und Hygienemaßnahmen sinnvoll anzuwenden.
Seine Lieblingsbeispiele aus dem Alltag: Schimmel auf einem Stück Parmesan bedeutet nicht automatisch, dass der gesamte Käse entsorgt werden muss – häufig reicht es aus, die betroffene Stelle großzügig zu entfernen. Bei Marmelade hingegen können sich gesundheitsschädliche Mykotoxine aufgrund des hohen Wassergehalts bereits im gesamten Glas verteilt haben, auch wenn der Schimmel nur an einer Stelle sichtbar ist. Ebenso werde das Mindesthaltbarkeitsdatum häufig missverstanden: Es ist eben kein Verfallsdatum, sondern eine Qualitätsgarantie des Herstellers. Häufig lohnt es sich deshalb, die eigenen Sinne einzusetzen – schauen, riechen, schmecken.
Wie wichtig ein fundiertes Verständnis mikrobiologischer Zusammenhänge ist, hat ihm auch die Corona-Pandemie verdeutlicht. Seine Beobachtung: Während manche Menschen nahezu alles desinfizierten, unterschätzten andere das tatsächliche Infektionsrisiko. Aus mikrobiologischer Sicht seien beide Extreme problematisch. Entscheidend sei zu wissen, wann Hygiene notwendig ist und wann natürliche Mikroorganismen – etwa das Mikrobiom (zur Erklärung) der Haut – eine wichtige Schutzfunktion übernehmen.
Deshalb engagiert sich Ulrich auch außerhalb von Forschung und Lehre für den Dialog mit der Öffentlichkeit. Im Begegnungsort anno 1578 der TH OWL in der Lemgoer Innenstadt erklärte er im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, wie Schimmel in Wohnungen entsteht, welche gesundheitlichen Risiken von ihm ausgehen und wie sich Schimmelbildung – etwa nach Wasserschäden – durch richtiges Lüften und vorbeugende Maßnahmen vermeiden lässt. Für ihn gehört dieser Wissenstransfer genauso zum Auftrag einer Hochschule wie Forschung und Lehre.
Vom Tierarzt zum Professor für Mikrobiologie
Ursprünglich wollte sich Sebastian Ulrich als Tierarzt auf Pferdemedizin spezialisieren. Aufgewachsen in Italien und geprägt durch den Besuch einer Europäischen Schule, interessierte ihn früh, warum Lebewesen so funktionieren, wie sie funktionieren. Er studierte Tiermedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München – zunächst mit Fokus auf klinische Arbeit an Pferden, im Studienverlauf zunehmend mit Blick auf die Zusammenhänge zwischen Tiergesundheit, Lebensmitteln, Umwelt und Mensch.
In seiner Promotion beschäftigte er sich erstmals mit Schimmelpilzen der Gattung Stachybotrys chartarum – ein Thema, das ihn bis heute begleitet: Wie entstehen Pilzgifte, welche Mechanismen stecken dahinter, und wie lässt sich dieses Wissen nutzen? Es folgten die Weiterbildung zum Fachtierarzt für Fleischhygiene und die Habilitation.
2024 wechselte Ulrich an die TH OWL. Ausschlaggebend war die enge Verzahnung von Forschung, Lehre und Praxis, die eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften bietet: Fragestellungen entstehen hier häufig direkt mit Unternehmen, Kliniken oder öffentlichen Einrichtungen, disziplinübergreifende Zusammenarbeit ist Teil des Alltags.
Seitdem leitet er den Bereich Angewandte Mikrobiologie und Hygiene im Fachbereich Landwirtschaft, Lebensmittel und Gesundheit und ist Mitglied im Institute for Life Science Technologies (ILT.NRW) der TH OWL.
Zu seinen Aufgaben gehört neben der Forschung auch die Lehre: Als Studiendekan gestaltet er Studiengänge mit. Im Rahmen seiner von PROFuture geförderten Fokusprofessur Lehre der Zukunft engagiert er sich für neue Lehr- und Lernkonzepte.
PROFuture@TH-OWL ist Teil der BMFTR-Förderline „FH Personal“ und wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) unterstützt.


„Wissenschaft lebt davon, offen zu bleiben und erstmal zu verstehen, bevor man bewertet“
Von seiner persönlichen Motivation, was er seinen Studierenden mit auf den Weg geben möchte und warum er gern Heuschrecken mit zur Arbeit nimmt, erzählt Professor Dr. Sebastian Ulrich im Gespräch:
Wer mit Ihnen spricht, hört oft den Satz: „Nicht sofort sagen: Das geht nicht.“ Warum ist Ihnen diese Haltung so wichtig?
Viele gute Ideen wirken auf den ersten Blick ungewöhnlich, manchmal sogar unpassend. Studierende kommen mit neuen Ansätzen zu mir, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachrichtungen bringen ihre Perspektiven mit, Unternehmen stehen vor Problemen, für die es noch keine Standardlösung gibt. Wenn man solche Ideen sofort verwirft, nimmt man sich die Chance auf neue Forschungsfragen und auf echte Innovation. Wissenschaft lebt davon, offen zu bleiben und zunächst zu verstehen, bevor man bewertet. In solchen Momenten probiere ich immer, bewusst einen Schritt zur Seite zu treten und das Thema ganz offen zu betrachten.
Wie schaffen Sie es, dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler früh Verantwortung übernehmen?
Indem ich ihnen Vertrauen schenke. Natürlich begleite ich ihre Arbeit und wir tauschen uns regelmäßig aus. Aber ich möchte, dass sie eigene Entscheidungen treffen, ihre Projekte selbst gestalten und Verantwortung übernehmen. Forschung lebt davon, dass Menschen ihre eigenen Ideen entwickeln. Meine Aufgabe sehe ich darin, dafür den richtigen Rahmen zu schaffen. Und auf für sie gilt: Neugierig bleiben. Mir ist wichtig, dass sie von Anfang lernen, nicht vorschnell zu sagen: „Das geht nicht.“ Ich möchte ihnen vermitteln, dass die spannendsten Erkenntnisse oft dort entstehen, wo man bereit ist, Fragen zu stellen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Sie engagieren sich als Studiendekan und in der Fokusprofessur „Zukunft der Lehre“. Was möchten Sie Studierenden mit auf den Weg geben?
Mir ist wichtig, dass Studierende wissenschaftlich denken lernen. Fachwissen ist die Grundlage, aber genauso wichtig sind Neugier, Eigeninitiative und die Bereitschaft, Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen. Gute Lehre bedeutet für mich deshalb, Studierende möglichst früh in Forschung einzubeziehen und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst Erfahrungen zu sammeln. Bei fortgeschrittenen Lehrveranstaltungen bringe ich gern konkrete Forschungsfragen aus unseren Projekten mit und arbeite mit den Studierenden gemeinsam am Problemverständnis und an möglichen Lösungswegen. Es macht unglaublich viel Spaß, zu sehen, wie sich ihre Methodenkompetenz, ihr Fachwissen und das verknüpfende Denken im Rahmen dieser realen Anwendungsfälle entwickelt. Viele von ihnen entdecken dabei nochmal eine ganz neue Begeisterung für die Mikrobiologie.
Neben dem Schreibtisch in Ihrem Büro steht ein Terrarium mit Heuschrecken und Fröschen. Wie kommt’s?
Die gucken mir bei der Schreibtischarbeit immer ein bisschen über die Schulter. Manchmal entdecken sie, wenn ich in ner Mail ein Komma vergessen hab. Nee, im Ernst, ich mag Tiere einfach unglaublich gern. Meine ersten Stabheuschrecken hatte ich bereits als Kind. Heute züchte ich verschiedene Arten als Hobby und gebe viele Nachzuchten auch mal an Zoos weiter, wo sie dann in der Umweltbildung eingesetzt werden. Die Frösche hatten vor meiner Zeit an der TH OWL einen wissenschaftlichen Bezug, weil sie in der damaligen Forschung zur Neurotoxizität eine Rolle spielen. Eigentlich lässt sich Beruf und Privatleben bei mir kaum trennen – die Begeisterung für biologische Zusammenhänge steckt einfach in mir drin.
Wir danken Professor Dr. Sebastian Ulrich für den spannenden Einblick in seine Arbeit an der TH OWL. Vielleicht beginnt gute Forschung tatsächlich manchmal dort, wo andere nur eine verschimmelte Brotdose sehen.
Lexikon
bezeichnet die Herstellung von Stoffen innerhalb einer lebenden Zelle. Forschende untersuchen diese Prozesse, um zu verstehen, wie beispielsweise Giftstoffe entstehen.
sind molekularbiologische Methoden, mit denen einzelne Gene gezielt verändert oder ausgeschaltet werden können. Dadurch lässt sich untersuchen, welche Funktion ein bestimmtes Gen im Organismus erfüllt – etwa ob es an der Bildung von Pilzgiften beteiligt ist.
ist ein Abschnitt der DNA, der die Bauanleitung für ein Protein enthält. Gene bestimmen damit viele Eigenschaften eines Organismus.
ist ein modernes Analyseverfahren, mit dem Mikroorganismen anhand ihres charakteristischen Proteinmusters innerhalb weniger Minuten identifiziert werden können. Die Methode ermöglicht eine schnelle und präzise Bestimmung von Bakterien und Pilzen und wird in Forschung, Medizin sowie der Lebensmittelanalytik eingesetzt.
sind besonders giftige Stoffwechselprodukte bestimmter Schimmelpilze. Sie können Zellen schädigen und gelten als gesundheitlich bedenklich, weshalb ihre Entstehung und Wirkungsweise Gegenstand intensiver mikrobiologischer Forschung sind.
beschäftigt sich mit Mikroorganismen wie Bakterien, Pilzen oder Hefen. Sie untersucht deren Eigenschaften, ihre Lebensweise und ihre Bedeutung für Gesundheit, Umwelt und Industrie.
bezeichnet man die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die einen Lebensraum besiedeln – etwa die menschliche Haut oder den Darm. Viele dieser Mikroorganismen erfüllen wichtige Schutz- und Stoffwechselfunktionen.
sind giftige Stoffwechselprodukte bestimmter Schimmelpilze. Sie können über Lebensmittel oder andere Materialien aufgenommen werden und gesundheitliche Schäden verursachen.
sind Eiweiße und übernehmen nahezu alle wichtigen Aufgaben in einer Zelle. Sie steuern Stoffwechselprozesse, bilden Strukturen oder transportieren Stoffe.
sind mikroskopisch kleine Pilze, die auf organischem Material wachsen können. Einige sind harmlos oder sogar nützlich, andere bilden gesundheitsschädliche Stoffe.