Der Innenraum bietet erhebliche, bislang jedoch unzureichend genutzte Potenziale für Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und gesundes Bauen. Insbesondere der Ausbau- und Möbelsektor ist durch kurze Nutzungszyklen, hohen Ressourcenverbrauch und große Abfallmengen gekennzeichnet. Gleichzeitig stehen bereits zahlreiche nachhaltige Materialien, zirkuläre Möbelkonzepte und rückbaubare Ausbausysteme zur Verfügung. Deren Umsetzung bleibt in der Praxis bislang jedoch die Ausnahme, obwohl im Innenraum häufig vergleichsweise günstige Voraussetzungen für niedrigschwellige Realisierungen bestehen. Beim Transfertag Zirkuläre Innenarchitektur, der im Rahmen des Forschungsprojekts CO₂Bau unter der Leitung der Professorinnen Susanne Schwickert, Katja Frühwald-König und Anna Tscherch stattfand, analysierten Akteur:innen aus Innenarchitektur und Architektur, Handwerk, Industrie, Wissenschaft und öffentlicher Hand entlang realer Planungs-, Bau- und Entscheidungsprozesse bestehende Hemmnisse und diskutierten übertragbare Ansatzpunkte für die Praxis. Kurze Impulse von Mark Vomberg (Designdirektive)
und Julia Sickermann (Gallonska Designagentur) eröffneten die Panels.
Deutlich wurde, dass die Umsetzung nachhaltiger Innenarchitektur weniger an fehlenden Lösungen als vielmehr an bestehenden Bewertungslogiken, Zuständigkeiten und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gehemmt wird. Experimentelle Materialien, Re-Use-Bauteile und biobasierte Alternativen stoßen vor allem aufgrund rechtlicher, wirtschaftlicher und organisatorischer Unsicherheiten auf Zurückhaltung. Fehlende Regelungen zu Haftung, Gewährleistung und Reparatur sowie unzureichende wirtschaftliche Anreize erschweren die Umsetzung zusätzlich.
Für Materialien, Bauteile und Möbel werden zudem Qualitäten wie Nutzungsdauer, Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit in gängigen Bewertungs- und Vergabesystemen, wie den CO₂-Kennwerten, kaum berücksichtigt.
Wirtschaftliche Hebel zirkulärer Innenarchitektur
Als besonders wirksam erwiesen sich Konzepte, die auf Prozesse und Geschäftsmodelle zielen: regionale Wertschöpfung, Refurbishment, modulare Systeme sowie Rücknahme-, Miet- und Leasingmodelle. Voraussetzung für deren Umsetzung ist eine frühzeitige lebenszyklusorientierte Planung, flankiert von rechtssicheren Rahmenbedingungen, geeigneter Logistik und einem Paradigmenwechsel im Rechnungswesen hin zu lebenszyklusbezogenen Kostenmodellen. Zugleich wurde die Bereitschaft von Planenden und Nutzenden betont, einfache und materialreduzierte Lösungen zu akzeptieren. Damit verbunden sind eine Fokussierung auf wenige relevante Varianten, ein höherer Grad an Standardisierung von Bauteilen sowie eine bewusste Reduktion der Materialvielfalt – etwa durch den Verzicht auf zusätzliche Bekleidungen zugunsten sichtbarer Bestandsoberflächen. Auf Ebene von Materialien und Ausbausystemen wurde deutlich, dass solche Ansätze sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile bieten können, etwa durch geringeren Materialeinsatz, verkürzte Bauzeiten und verlängerte Nutzungszyklen.
Beispiele wie der Einsatz von Lehmputzen in Kombination mit Wandheizungen verdeutlichten zudem, dass eine steigende Nachfrage nach bestimmten Systemen positive Rückkopplungseffekte auf die Verbreitung nachhaltiger Materialien entfalten kann. Auch der bewusste Umgang mit Patina und Gebrauchsspuren wurde als gestalterische und kulturelle Ressource benannt, die den Austauschzyklus von Oberflächen verlangsamen kann.
Im Fazit wurde deutlich, dass über technische, rechtliche und wirtschaftliche Hemmnisse hinaus ein kultureller Perspektivwechsel erforderlich ist. Zirkuläre Innenarchitektur erfordert eine offenere, lösungsorientierte Haltung im Umgang mit Unsicherheiten, anstelle des Wartens auf vollständig normierte Lösungen. Ein pragmatischer Ansatz im Sinne von „done is better than perfect“ kann Hemmschwellen abbauen und Lernprozesse ermöglichen, wie internationale Beispiele – etwa aus Dänemark – zeigen.
Teilnehmende:
• Thorsten Bertels (Raumfabrik)
• Sven Detering (Detering Architekten)
• Arvid Gröne (Gröne Architekten)
• Leo Hoffmann (ZH Holzbau)
• Dr. Thomas Hohberg (Follmann Chemie)
• Sandra Janczyk (Innospin)
• Matthias Quinkert (Lindner Group)
• Prof. Dr. Tanja Remke (Remke Partner – Architektur · Innenarchitektur)
• Dr. Alice Schröder-Klaassen (LWL-Freilichtmuseum Detmold)
• Julia Sickermann (Gallonska Designagentur)
• Gesa Trispel (JAB)
• Mark Vomberg (Designdirektive)
• Prof. Carsten Wiewiorra (bdia)
Team:
• Prof. Dr. Susanne Schwickert (Bauphysik und TGA)
• Prof. Anna Tscherch (Entwerfen und Ausbauplanung)
• Prof. Dr. Katja Frühwald (Holztechnik, Holzbauprodukte und Holzbauproduktion)
• Ruth von Borstel (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
• Christian Schulze (Lehrbeauftragter)
• Lisa Pusch (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
• Anika Steinkuhl (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)












