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Asbest: Vom Wunderstoff zum Albtraum

Erst seit dem 31.10.1993 ist Asbest in Deutschland verboten. Vor diesem Stichtag müssen alle Gebäude als potenziell asbestbelastet gelten, so sieht es eine geplante Novellierung der Gefahrstoffverordnung vor. Damit ist das Thema für angehende Architektinnen und Innenarchitekten von großer Bedeutung. Darauf hat jetzt das 11. Wohnmedizinische Symposium der TH OWL aufmerksam gemacht. Es fand am 16. November unter der Leitung von Dr. Mario Blei (TH OWL) in Detmold statt.

Es hat über 100 Jahre gedauert vom ersten Bericht über Gesundheitsfahren in der Arbeiterschaft bis zum vollständigen Verbot von Asbest in Deutschland im Jahr 1993; zu gut klangen lange die Produkteigenschaften von Asbest (hitzebeständig, unbrennbar) und damit die Gewinnerwartung, als dass man es vom Markt nehmen wollte. „Vom Magic Material zum Silent Killer“ – so hatte Prof. Dr. med. Klaus Fiedler (Gesellschaft für Wohnmedizin, Bauhygiene und Innenraumtoxologie) denn auch seinen Vortrag übertitelt. Bereits 1900 wurde erstmals nachgewiesen, dass Asbest schuld an Todesfällen war, 1936 wurde die Asbestose („Staublunge“) in Deutschland als Berufskrankheit anerkannt, erst 1970 wird Asbest hierzulande als krebserregend eingestuft und noch einmal 23 Jahre später endgültig verboten. Doch damit ist das Asbest aus den Häusern nicht verschwunden. Es wird noch Generationen dauern, bis alle asbestbelasteten Bauteile ausgetauscht sein werden. „Aus ökonomischen Gründen wurde die Gefahr lange geleugnet, so Fiedler.  

Aufgrund der krebserregenden Wirkung sei Asbest inzwischen in 57 Ländern der Welt verboten. Dennoch sei die weltweite Asbestproduktion mit vielen Tonnen pro Jahr konstant, kritisiert Dr. med. Maik Brandes (Klinik für Pneumologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin). Folgende Berufserkrankungen seien in diesem Zusammenhang bisher anerkannt: Astbeststaublungenerkankungen; Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs, Eierstockkrebs; durch Asbest verursachtes Mesotheliom (Tumor des Rippenfells), Tumor des Baufells oder Herzbeutels. Problematisch sei die Zeitspanne von durchschnittlich mehr als 30 Jahren zwischen der Asbestexposition und dem potentiellen Gesundheitsschaden, so der Mediziner.

Problematisch bei der jetzt geplanten Novellierung der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) – 2 sei, dass künftig der Bauherr bzw. der Veranlasser ermitteln muss, ob im fraglichen Gebäude Gefahrstoffe, insbesondere asbesthaltige Baustoffe vorhanden sind, führte Dr. Jacob Duvigneau (Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung der öffentlichen Versicherer e.V.) aus. Gebäude, die vor dem Stichtag 31.10.1993 gebaut wurden, gelten demnach alle pauschal als potentiell asbestbelastet. Sind nun dort Eingriffe in die Bausubstanz nötig (Renovierung, Schadensbehebungen, etc.), falle damit künftig ein beträchtlicher Aufwand an gutachterlicher Beprobung an, bevor mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden darf. Nur wenn anhand von Fotos, Rechnungen etc. belegt werden könne, dass das betreffende Bauwerk, Raum oder Bauteil nach dem Stichtag bereits schon einmal vollständig entkernt worden sei oder die potenziell asbesthaltigen Materialen vollständig entfernt worden seien, könne auf eine analytische Untersuchung vor den Umbauarbeiten verzichtet werden. „Man nimmt an, dass alle bauchemischen Produkte (Spachtel- und Vergussmassen) bis in die 70er Jahre Asbest enthielten“, so Duvigneau.

Mit der geplanten Gefahrstoffverordnung schieße man jedoch über das Ziel hinaus und stelle das Handwerk künftig auch bei Kleinstvorhaben vor große Probleme in der Handhabung, kritisierte auch Dr. Ernst Baumann (Fachverband Sanierung und Umwelt e.V.). Schätzungen zufolge sei 81 % des gesamten Wohnungsbestandes in Deutschland betroffen. „Da kommt eine riesige Welle von Klagen auf uns zu“, befürchtet er. So werde es schwierig, künftig einen Handwerker zu finden, der das Risiko auf sich nehme. 

Woran man Asbest erkennt (nach Prof. Fiedler): 

  • durch den Einsatzort: Asbest befand oder befindet sich dort, wo Hitzebeständigkeit, Unbrennbarkeit, Isolierfähigkeit oder chemische Beständigkeit erwünscht war, i.e. Bereich des Arbeits- und Brandschutzes, Wärme- und Elektroisolation, Ofendichtungen, Reibbeläge, spezielle Produkte wie Haartrockner, Bügeleisen, Toaster, Nachtspeicheröfen
  • durch äußerlich erkennbare Merkmale: weißgraue bis graue Farbe – Farbanstriche beachten!, stumpfe Oberfläche, brüchiges Material - abstehende Faserbüschel an den Bruchkanten, nicht brennbar
  • am Alter des Produkts: Höhepunkt der Asbestverarbeitung: 70er Jahre, Umstellungstermine auf asbestfreie Technologien: 1982-84 Innenausbau (Brandschutzplatten, etc.), 1982-88 Bedachungen, 1986 Garten- und Freizeit (Minigolfanlagen, Blumenkästen, etc.), 1987 Fassadenbau, 1990 Wellplatten (Eternit), 1993 Wasserdruckrohre