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Meilenstein im Projekt AuToRail OWL: Testfeld am Bahnhof in Verl-Kaunitz eingerichtet

Im Forschungsprojekt „Automated Transport of Road and Rail Goods OWL (AuToRail OWL) wird ein Konzept für ein Zweiwegefahrzeug entwickelt, das sowohl auf der Straße als auch auf der Schiene automatisiert fahren kann und die technische Machbarkeit belegt. Am Bahnhof in Verl-Kaunitz ist dafür jetzt ein Testfeld eingerichtet worden. Auch ein Rangierfahrzeug, das künftig automatisiert zwischen Gleis und Straßenwechseln soll, ist angeschafft. Die Hochschule Bielefeld (HSBI) leitet als Konsortialführerin das Projekt, an dem auch die Universität Bielefeld, die TH OWL und die Verler Immobilien- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (VIW) beteiligt sind.

Es hat sich etwas getan am Kaunitzer Museumsbahnhof, wo ein Testfeld für das Forschungsprojekt AuToRail OWL entstanden ist. Über eine Gleislänge von 300 Metern wurden die Holzschwellen gegen Betonschwellen getauscht und die an die Gleise grenzende Fläche über eine Länge von 50 Metern in Asphalt eingelassen – eine bahnübergangsähnliche Situation ist entstanden. Außerdem wurde eine Halle für das Testfahrzeug gebaut und ein Bürocontainer errichtet. 

„Mit dem Aufbau des Testfeldes erreichen wir endlich die gewünschte Sichtbarkeit für das Projekt“, sagte der Verler Bürgermeister Robin Rieksneuwöhner bei der Eröffnung der Versuchsstrecke. Testfelder wie diese geben der Wissenschaft die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse in ein experimentelles Umfeld zu übertragen und die Forschung unter realen Bedingungen zu testen. 

„Die HSBI bringt mit diesem Testfeld nicht nur die Forschung direkt nach Verl, sondern schafft auch eine Außenstelle, die als Ort für technische Demonstrationen dient. Durch regelmäßige Aktionen, bei denen Interessierte die technischen Innovationen und Fortschritte des Projekts hautnah erleben können, soll das Projekt für die Verler Bevölkerung erlebbar werden“, so Rieksneuwöhner weiter. 

Projektleiter Professor Dr. Rolf Naumann von der HSBI ergänzte: „Das Testfeld wird nicht nur zu einem wichtigen Forschungsstandort, sondern auch zu einem sichtbaren Teil der regionalen Entwicklung und des Fortschritts in der Mobilität.“

Vision: Bahnstrecken reaktivieren durch automatisierten Wechsel von Schiene und Straße

Ab sofort werden wissenschaftliche Mitarbeitende vom Institut für Systemdynamik und Mechatronik (ISyM) der HSBI sowie der TH OWL häufig vor Ort sein, um an dem eigens für das Projekt angeschafften Rangierfahrzeug zu arbeiten. Zusammen mit Forschenden der Universität Bielefeld wollen sie dem Fahrzeug das automatisierte Ein- und Ausgleisen „beibringen“. Denn das wesentliche Ziel des Projektes ist, den Fahrwegwechsel zwischen Straße und Schiene – und umgekehrt – zu automatisieren, sodass dieser mit möglichst geringem Zeitverlust und ohne zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen erfolgt. 

Danus Kilian Rawert, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSBI, erläutert: „Das Fahrzeug soll sowohl auf der Straße als auch der Schiene automatisiert fahren, um in das bestehende Schienennetz eingebunden zu werden, ohne in die Infrastruktur investieren zu müssen. Das zeitintensive Umladen von Gütern oder Umsteigen von Personen entfällt, sodass der Komfort verbessert und Kosten und Reisezeiten minimiert werden.“

Lösung für „Letzte-Meile-Problem“

Darüber hinaus sind Reaktivierungen von nicht mehr lückenlos vorhandenen Bahnstrecken denkbar, da Teilstrecken auf der Straße zurückgelegt werden können. Denn viele ländliche Bahnstrecken, insbesondere eingleisige Abschnitte, sind nur gering ausgelastet und stellen ein ungenutztes Potenzial dar. Bahnexperte und Projektleiter Rolf Naumann: „Unser Fahrzeugkonzept zielt darauf ab, dieses Potenzial zu erschließen, indem es die Strecken automatisiert und flexibel nutzt, einschließlich einer Ausweichfunktion, die durch das Ausgleisen an geeigneter Stelle den Begegnungsverkehr auf eingleisigen Abschnitten ermöglicht. Dabei bleibt auch eine konventionelle Nutzung der Strecke weiterhin möglich.“ 

Durch die Fähigkeit, Teilstrecken zum nächsten Gleis auf der Straße zurückzulegen und die Möglichkeit an Bahnübergängen einzugleisen, erschließt das Projekt die ressourceneffiziente Infrastruktur der Schiene auch für Unternehmen ohne unmittelbaren Gleisanschluss: Lange Strecken werden auf der Schiene zurückgelegt, Streckenabschnitte ohne Gleise auf der Straße – ohne umzuladen. So kann das Projekt langfristig einen Beitrag zur Lösung des „Letzte-Meile-Problems“ leisten, das in der Praxis oftmals ein großes Hindernis für den Bahnverkehr darstellt. 

Dass viele Bahnstrecken in ländlichen Regionen Deutschlands ungenutzt sind, liegt häufig daran, dass der Betrieb mit konventionellen Fahrzeugen nicht wirtschaftlich genug ist, wie Professer Naumann erklärt: „Wir möchten mit unserem Konzept ein Beispiel dafür entwickeln, das aufzeigt, wie wenig genutzte Strecken verstärkt genutzt werden können. Wir wollen Vorbild für Regionen mit ähnlichen Randbedingungen wie hier in OWL sein und unser Konzept dorthin übertragen.“

Forschung am automatisierten Ein- und Ausgleisen

Doch zunächst geht es in dem Projekt um die Entwicklung und Realisierung des automatisierten Ein- und Ausgleisvorgangs, also um die technische Machbarkeit in einem Demonstrationsbetrieb. Und auch dafür ist noch einiges zu tun: Seit gut zwei Jahren arbeiten die Wissenschaftler:innen bereits virtuell an dem Vorhaben. Seitens der HSBI liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung des automatisierten Fahrsystems inklusive Steuer- und Regelungstechnik für Straße und Schiene (Antrieb/Bremse, Lenkung sowie das Anheben/Absenken der Schienenräder). 

Ein zentraler Fokus ist der sichere und ruckarme Fahrwegwechsel: Das Fahrzeug wird hochpräzise an die Eingleisposition geführt, die Aktoren werden koordiniert angesteuert und der Übergang in den Schienenbetrieb stabil geregelt. Es wird angestrebt, dass dieser Übergang während der Fahrt erfolgt – das heißt, ohne anzuhalten. Dafür werden zunächst Fahrzeug- und Funktionsmodelle aufgebaut und in Simulationen genutzt, um Regelstrategien, Abläufe und Grenzfälle zu testen und abzusichern, bevor die Funktionen schrittweise am realen Fahrzeug integriert und in Betrieb genommen werden. Zudem übernimmt die HSBI das Projektmanagement einschließlich der Öffentlichkeitsarbeit.

Die TH OWL konzentriert sich auf die Ausgestaltung der Systemarchitektur und der Fahrzeugsicherheit sowie auf Test, Inbetriebnahme und Erprobung des Gesamtfahrzeugs. Im Arbeitspaket „Systemarchitektur und Fahrzeugsicherheit“ verantwortet die TH OWL die Konzeption und Umsetzung der Fahrzeugarchitektur sowie die Entwicklung und Implementierung des internen Kommunikationsnetzes einschließlich aller relevanten Schnittstellen. Darüber hinaus werden Sicherheitsfunktionen zur kontinuierlichen Überwachung des Fahrzeugs erarbeitet und implementiert. 

Im Arbeitspaket „Test, Inbetriebnahme und Erprobung des Gesamtfahrzeugs“ entwickelt und implementiert die TH OWL umfassende Testfälle und begleitet die systematische Validierung des Gesamtfahrzeugs. Dabei besteht eine enge Verzahnung mit dem Projekt enableATO, in dem ein technologisches Framework für eine neue automatisierte, schienenbasierte Mobilität entwickelt wird. Auch hier ist die TH OWL für das Testen verantwortlich. Als Beispielfahrzeuge dienen das Zweiwegefahrzeug aus AuToRail OWL sowie das kreiselstabilisierte Einschienenfahrzeug MONOCAB.

An der Universität Bielefeld wird vor allem an der Sensorik für die Lokalisierung und Umgebungserkennung geforscht. Professor Naumann erklärt: „Jetzt mit dem Testfeld und dem Versuchsfahrzeug heißt es ‚hands on‘: Vor Ort können wir nun testen, was bislang nur in unseren Simulationsprogrammen berechnet wurde und auf unseren Computerbildschirmen zu sehen war.“ Bis zu den ersten Fahrversuchen muss das Fahrzeug allerdings noch entsprechend ertüchtigt werden: Die Verkabelung und Integration der Hardware steht ebenso aus wie das Anbringen der Sensorik. 

Als Entwicklungsbasis dient ein kommerzielles Rangierfahrzeug

Das Rangierfahrzeug wurde nach einem Ausschreibungsprozess nach den Vorgaben der Wissenschaftler:innen gefertigt. Es hat ein Gewicht von 7,5 Tonnen, fährt vollelektrisch und wird über einen Akku mit Energie versorgt. Es ist mit hydraulisch an- und absenkbaren Schienenradsätzen ausgestattet, um den Systemwechsel vollziehen zu können. Die Forschungsergebnisse bilden die Grundlage für zukünftige Zweiwegefahrzeuge und zur Initiierung weiterer Projekte. 

Nachhaltiges Konzept

Das Vorhaben soll die Nachhaltigkeit im Transportwesen durch eine ganzheitliche und durchgängige Mobilität fördern, wie Projektleiter Rolf Naumann zusammenfasst: „Der Großteil der Strecke wird ressourcenschonend über die Schieneninfrastruktur zurückgelegt. Die Integration von Straßenabschnitten für Ziele ohne Gleisanschluss vereint Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz. Es sind keine zusätzlichen Infrastrukturmaßnahmen notwendig, aufwendige Arbeiten an bestehenden Strecken werden vermieden. Und der batterieelektrische Antrieb ermöglicht zudem die Nutzung erneuerbarer Energien.“

Hintergrund: Das Projekt „Automated Transport of Road and Rail Goods OWL ist auf drei Jahre angelegt und wird im Rahmen des Programms „Regionale 2022 OWL“ vom Land Nordrhein-Westfalen mit zwei Millionen Euro gefördert. Der Förderbescheid liegt seit Anfang 2024 vor. Nach dem ursprünglichen Zeitplan sollte die Versuchsstrecke bereits Ende 2024 eingerichtet sein. Das Genehmigungsverfahren dauerte länger als erwartet, da einige Rechtsfragen geklärt werden mussten. Herausforderungen ergaben sich bei der Antragsstellung für die Nutzung der Strecke, die bei der ursprünglichen Planung nicht absehbar waren. So wurde ein höherer Detailgrad des Verkehrssicherheitskonzeptes gefordert als zuvor erwartet, was ebenfalls einen höheren Detailgrad der Fahrzeugspezifikation mit sich zog. 

Ebenfalls wurde eine Versicherungsbestätigung gefordert, deren Erlangung durch die Neuartigkeit des Fahrzeugkonzeptes einen höheren Aufwand in Anspruch nahm als ursprünglich angenommen. Im Juli 2025 standen die Signale dann auf Grün, und die Ausschreibungen für die Bauarbeiten zwischen den beiden Bahnübergängen Holter Straße und Peitzweg in Kaunitz konnten auf den Weg gebracht werden. Im September 2025 war Baustart für den Schwellenwechsel, die Asphaltierung sowie für die Errichtung der Halle und des Bürocontainers. Im Januar 2026 wurde das Rangierfahrzeug angeliefert. 

Das AuToRail-Projekt ist ein Teil der Initiative vernetzte Mobilität OWL, in der sich zahlreiche Mobilitätsprojekte zusammenfinden. Es ist darüber hinaus vernetzt mit den vielfältigen Mobilitätsinitiativen im RailCampus OWL. Näheres auf der Projektseite: www.autorail-owl.de