Herr Professor Krahl, aktuell wird viel über eine mögliche „Schließung“ des Standorts Höxter gesprochen. Was ist dran?
Diese Darstellung ist falsch. Der Standort Höxter sollte zu keinem Zeitpunkt geschlossen werden. Wir bekennen uns klar zum Standort: Er bleibt und wird weiterentwickelt. Dabei geht es auch um eine inhaltliche Neuausrichtung.
Hochschulen erfüllen neben der Lehre auch zentrale Aufgaben in Forschung und Wissenstransfer. Genau hier sehen wir große Chancen für Höxter. Die Bündelung von Studiengängen an anderen Standorten ermöglicht es uns gleichzeitig, die Qualität und Vielfalt der Lehre weiter zu stärken. Unser Ziel ist es, beide Entwicklungen sinnvoll miteinander zu verbinden.
Warum ist die Frage der Verlagerung von Studiengängen überhaupt Gegenstand eines Gerichtsverfahrens?
Hier geht es um unterschiedliche Auffassungen zwischen der Hochschule und dem Ministerium darüber, wer über die Ausgestaltung von Studienangeboten entscheiden darf. Auch angesichts der bestehenden demografischen und finanziellen Herausforderungen.
Für uns ist klar: Die Weiterentwicklung des Studienangebots und auch die inhaltliche Ausgestaltung von Standorten gehören zu den Aufgaben einer Hochschule im Rahmen ihres Selbstverwaltungsrechts.
Das Ministerium hat uns das untersagt und die Aufstellung eines konkreten Nutzungskonzepts für den Campus Höxter zur Bedingung dafür gemacht. Die Hochschulautonomie ist in Deutschland verfassungsrechtlich geschützt. Deshalb hat die TH OWL beim zuständigen Verwaltungsgericht eine rechtliche Klärung veranlasst, ob das Vorgehen des Ministeriums rechtens ist.
Warum wurde ein zusätzliches Eilverfahren bei demselben Verwaltungsgericht beantragt?
Gerichtsverfahren können Monate, wenn nicht gar Jahre bis zur abschließenden Entscheidung dauern. Ein zusätzliches Eilverfahren beim zuständigen Verwaltungsgericht sollte klären, ob die TH OWL bereits jetzt Beschlüsse und konkrete Maßnahmen für die Umzüge unternehmen darf. Die zu wenig nachgefragten Studiengänge sind bereits aktuell für die Hochschule eine wirtschaftliche Herausforderung.
Im März hat das Gericht dies verneint. Was bedeutet die aktuelle Entscheidung im Eilverfahren konkret?
Die Entscheidung bedeutet, dass wir die geplanten Umzüge von Studiengängen aktuell nicht umsetzen dürfen. Gleichzeitig bleiben die inhaltlichen Überlegungen und Ziele der TH OWL unverändert. Wir bereiten weiterhin alles vor, was rechtlich zulässig ist, um nach einer endgültigen Entscheidung handlungsfähig zu sein. Als Hochschule tragen wir Verantwortung dafür, unsere Studiengänge so anzubieten, dass sie dauerhaft nachgefragt werden und wirtschaftlich gesichert umgesetzt werden können.
Wie geht es jetzt weiter?
Es ist legitim, dass es andere Sichtweisen auf unsere Planungen und auch andere Interessen als die der Hochschule gibt. Jedoch widersprechen wir der Darstellung, dass ein Umzug unserer Studiengänge einer „faktischen Schließung des Standortes Höxter“ gleichkäme. Deswegen haben wir Beschwerde gegen die Entscheidung eingelegt.
Zur inhaltlichen Ausgestaltung des Nutzungskonzept sind wir seit Mitte vergangenen Jahres mit dem Ministerium im Austausch. Unser Nutzungskonzept liegt seit November abschließend vor und es enthält konkrete Maßnahmen, wie wir den Campus Höxter mit mehr Leben füllen wollen – auch mit Lehrangeboten. Uns ist wichtig, möglichst schnell Planungssicherheit für die Hochschule insgesamt, für Studierende und für Beschäftigte zu schaffen.
Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass die TH OWL in Höxter ihre Verantwortung für den ländlichen Raum vernachlässigt?
Der ländliche Raum verändert sich – und darauf reagieren wir mit neuen Angeboten und Perspektiven. Alle drei Standorte der TH OWL liegen im ländlichen Raum, und wir fördern starke Kontakte und Kooperationen in die Wirtschaft und Gesellschaft der gesamten Region - einschließlich Höxter.
So wie Gesellschaft und Arbeitswelt in den vergangenen Jahren mobiler geworden sind, beschäftigen sich auch unsere Lehr-, Forschungs- und Transferthemen mit den dynamischen Herausforderungen im ländlichen Raum.
Als Mitglied des Innovation Campus Lemgo e.V. fördern wir gezielt Projekte wie „Rurbanive“, das die Überbrückung der sozialen und technologischen Kluft zwischen Stadt und Land bearbeitet. Unser Ziel ist es, tragfähige Lösungen für die Zukunft zu entwickeln und wichtige Fachkräfte auszubilden. Veränderungsprozesse erfordern Aufgeschlossenheit und einen konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten.
Viele Menschen in Höxter sind wegen der Veränderung verunsichert. Können Sie das nachvollziehen?
Ja, absolut. Ich verstehe, dass die Diskussion viele Menschen bewegt. Gerade deshalb ist es mir wichtig, transparent zu informieren und klarzustellen: Es geht nicht um einen Abbau, sondern um eine Weiterentwicklung des Standorts. Es gibt unterschiedliche Perspektiven – sowohl Kritik als auch Unterstützung aus der Wissenschaft, aus der Wirtschaft und von Partnern, die die Weiterentwicklung des Standorts Höxter als Chance sehen. Uns ist es wichtig, die gesamte Bandbreite der Perspektiven zu sehen.
Warum hält die TH OWL an ihren Plänen fest?
Weil wir Verantwortung für die Zukunft unserer Hochschule an allen drei Standorten tragen. Die Nachfrage am Standort Höxter ist seit Jahren rückläufig. Unser Anspruch ist es, unsere Studienangebote auszubauen und gleichzeitig neue Perspektiven für Höxter zu schaffen. Deshalb bleiben die Studiengänge erhalten und sollen lediglich in Lemgo bzw. Detmold angeboten werden. Wir sind überzeugt: Dieser Weg stärkt die Hochschule insgesamt.
Kritiker sagen, die Verlagerung von Studiengängen komme einer Schließung gleich. Was entgegnen Sie?
Das ist ein Missverständnis. Es ist wichtig, dass der Auftrag einer Hochschule nicht nur aus Lehre besteht. Sie forscht und überträgt ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse und Innovationen in die Gesellschaft.
Unsere Planungen sehen die Verlagerung der Höxteraner Studiengänge vor, um unsere Lehrinfrastruktur stärker in Detmold und Lemgo zu bündeln. Die Studiengänge an sich bleiben bestehen und haben dort mehr Potenzial, sich langfristig tragfähig zu entwickeln. Gleichzeitig entsteht in Höxter ein klarer Schwerpunkt auf Forschung und Transfer. Unser Ziel ist es, den Standort nachhaltig zu stärken – nicht, ihn zu schwächen.
Wie soll dieser neue Schwerpunkt konkret aussehen?
Wir entwickeln den Campus Höxter zu einem wissenschaftlichen Innovationszentrum. Das passt zum übergeordneten Vorhaben der Bundesregierung, des Landes Nordrhein-Westfalen und des Kreises Höxter, die die Stärkung des Gemeinwohls in der Region als strategisches Ziel definiert haben.
Unsere Forschenden und Kooperationspartner werden auf dem „Gemeinwohl-Campus“ die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Gesellschaft stärken, konkrete Forschungsprojekte in Höxter verankern und deren Ergebnisse direkt in die nachhaltige Entwicklung der Region einbringen.
Welche Rolle spielt der Standort Höxter künftig für die TH OWL?
Eine sehr wichtige. Höxter bleibt ein zentraler Bestandteil der Hochschule – mit einem klaren Profil und verbesserten Entwicklungsmöglichkeiten. Wir sind überzeugt, dass wir den Standort damit langfristig besser aufstellen.
Was bedeutet das für Studierende und Beschäftigte vor Ort?
Die Studienangebote in Höxter bleiben zunächst bestehen. Wir wissen, wie wichtig Verlässlichkeit in dieser Situation ist, und informieren transparent über alle weiteren Entwicklungen.
Wir haben uns über einen langen Zeitraum intensiv mit der Frage beschäftigt, wie wir unsere Studienangebote zukunftsfähig aufstellen können. Unser Ziel in der Lehre ist es, attraktive Studiengänge mit hoher Qualität, mehr interdisziplinären Möglichkeiten sowie eine flexiblere Gestaltung des eigenen Studiums anzubieten. Die Bündelung von Angeboten und die gleichzeitige Weiterentwicklung des Standorts Höxter sind dafür ein wichtiger Schritt.
