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Hochwasserschutz von Forschung bis Praxis: „Musterbaustelle NRW“ zu Gast

Wie können Kommunen auf Starkregenereignisse reagieren und gleichzeitig nachhaltige Lösungen für den Hochwasserschutz entwickeln? Antworten darauf gab die „Musterbaustelle NRW“ der Kommunal Agentur NRW Mitte September am Fachbereich Bauen und Umwelt TH OWL in Detmold.

Rund 40 Teilnehmende, vorwiegend aus Kommunen und Genehmigungsbehörden, informierten sich über das Starkregenkonzept der Stadt Detmold, die Forschung der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe und innovative Bauverfahren der topocare GmbH.

Die Veranstaltung verband drei Perspektiven: Erfahrungen aus der kommunalen Praxis, aktuelle Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie die technische Umsetzung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Marc Jansen von der Kommunal Agentur NRW GmbH aus Düsseldorf. Nach den Vorträgen ging es deshalb direkt auf die Baustellen, um die vorgestellten Maßnahmen und Verfahren im praktischen Einsatz zu erleben.-

Starkregenkonzept als Reaktion auf extreme Ereignisse

Welche Herausforderungen Starkregen für Kommunen mit sich bringt, wurde am Beispiel Detmolds deutlich. Am 22. Mai 2023 fielen innerhalb einer Stunde über 80 Millimeter Regen. Mehr als 100 Gebäude waren stark betroffen. Besonders der Klüterbach spielte dabei eine zentrale Rolle. Große Mengen Wasser, Schlamm und Häckselgut von landwirtschaftlichen Flächen konnten nicht schnell genug abfließen.

Die Stadt reagierte zunächst mit Sofortmaßnahmen und entwickelte parallel ein umfassendes Starkregenkonzept. Ein wesentlicher Baustein dieses Konzepts ist das Mulden-Wall-System. Diese Anlagen können bei Starkregen Wasser zurückhalten und den Abfluss drosseln. Gleichzeitig sind sie vergleichsweise schnell umzusetzen, benötigen wenig Platz, sind überströmbar und lassen sich mit geringem Wartungs- und Personaleinsatz betreiben. Das Wasser wird bei kleineren Niederschlagsereignissen zurückgehalten, ohne dass unmittelbare Reinigungen der Kanäle oder Straßen erforderlich sind.

Den ersten Fachvortrag zum „Starkregenkonzept Detmold Klüt“ hielt Andreas Hoffmann von der Stadt Detmold. Er erläuterte die Erfahrungen der Stadt und die Entwicklung der Maßnahmen.

Die folgenden Starkregenereignis stellten das Konzept auf die Probe. Ein Jahr später kam es innerhalb kurzer Zeit zu zwei Niederschlagswellen. Die bereits umgesetzten Maßnahmen zeigten Wirkung. Nach Erstellung des Mulden-Wall-Systems kam es bei einem weiteren Ereignis im Juni 2025 mit 90 bis 120 Millimetern Niederschlag nach Angaben der Stadt zu keinen Schäden.

Geotechnik: Neue Wege mit Geotextilschläuchen

Carsten Schlötzer, Professor für Geotechnik am Fachbereich Bauen und Umwelt der TH OWL, gab anschließend Einblicke in die Forschung zu erdstoffgefüllten Geotextilschläuchen. Seit rund zwölf Jahren wird das Verfahren an der TH OWL weiterentwickelt. Das Prinzip erinnert an einen großen 3D-Drucker: Endlose Schläuche aus Geokunststoff werden vor Ort mit Bodenmaterial gefüllt und zu stabilen Baukörpern geformt. Das Besondere dabei ist die große Materialvielfalt. Viele vorhandene Böden können für die Herstellung der Bauwerke genutzt werden, anstatt sie beispielsweise durch die Zugabe von Zement aufwendig zu ertüchtigen.

Die Einsatzmöglichkeiten reichen vom Wasser- und Dammbau über den Hochwasser- und Küstenschutz bis hin zu Lärmschutzanlagen, Deicherhöhungen und Radwegen auf Dämmen. Durch die Wickeltechnik lassen sich steile, erosionsstabile und überströmungssichere Baukörper mit geringer Aufstandsfläche realisieren. Auch Nachhaltigkeitsaspekte spielen eine Rolle: Der eingesetzte Boden bleibt als Ressource erhalten, ein Rückbau der Konstruktionen ist möglich. 

„Unser Ziel ist es, innovative Lösungen nicht nur zu erforschen, sondern gemeinsam mit Kommunen und Praxispartnern dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden: auf die Baustelle“, fasste Carsten Schlötzer die Zielsetzung der Veranstaltung zusammen.

Von der Forschung zur technischen Umsetzung

Den dritten Fachvortrag zur „Maschinentechnik“ übernahm David Draier von der topocare GmbH. Er zeigte, wie aus dem Bauverfahren eine einsatzfähige Technologie wird, und stellte die Technik hinter der Verlegung der Geotextilschläuche vor.

Zum Einsatz kommen zwei Verlegemaschinen: Der Topomover ermöglicht seit 2012 die kontinuierliche Verlegung der Geotextilschläuche. Der Topopacker arbeitet teilautonom und ist insbesondere für kleinere Flächen ausgelegt.

Die Entwicklung der Verfahren und ihrer technischen Umsetzung erfolgt in Zusammenarbeit verschiedener Partner, darunter die RWTH Aachen und der Fachbereich Bauen und Umwelt der TH OWL mit dem Fachgebiet Geotechnik von Professor Carsten Schlötzer.

Praxis vor Ort

Nach der Mittagspause folgte der Praxisteil: Mit dem Bus ging es zu drei Baustellen und Maßnahmen in Detmold. Besichtigt wurden unter anderem die Schlauchverlegemaschine im Einsatz, das bestehende Mulden-Wall-System in Detmold-Klüt sowie eine weitere Maßnahme, die das Starkregenkonzept ergänzt.

Der direkte Einblick in die Umsetzung sorgte für großes Interesse und viele anregende Gespräche. Damit wurde der Weg von der kommunalen Herausforderung über Forschung und Entwicklung bis hin zur konkreten Umsetzung sichtbar.

Gemeinsam innovative Lösungen entwickeln

Die „Musterbaustelle NRW“ zeigte, welchen Beitrag die Zusammenarbeit von Kommunen, Forschung und Unternehmen bei der Entwicklung neuer Lösungen für den Hochwasser- und Starkregenschutz leisten kann. Die Veranstaltung machte deutlich: Innovative Lösungen entstehen dort, wo Forschung, kommunale Praxis und technische Umsetzung zusammenkommen.