Die Luft steht im Hauptgebäude. Es röhrt. Es kracht. Es knallt. Metall trifft Metall. Wieder und wieder. In einer würfelförmigen Arena prallen „Schwerter“, Hämmer und rotierende Scheiben aufeinander. Die kinetischen Waffen gehören fiesen kleinen Kampfmaschinen. Ihre Mission: Den Gegner zertrümmern, zerdrücken, zerstören. Für den Siegerpokal tun die ferngesteuerten Roboter alles, was laut Regelwerk erlaubt ist.
Alle Roboter werden von den Teams selbst konstruiert und gebaut. Das Regelwerk legt Gewicht, Materialien, Sicherheit und zulässige Waffensysteme fest. Erst nach einer technischen Abnahme dürfen sie in die Arena.
Erfolgskontrolle: FightNight statt Prüfung
Die Aufregung bei allen Beteiligten ist groß, denn die Veranstaltung ist nicht nur spielerische Herausforderung, sondern auch ein öffentlicher Härtetest der jungen Ingenieurskunst: Kunststoff splittert, ein Rad fliegt durch die Luft, die Moderation kommentiert jeden Treffer: „Oh nein, Oakstan ist getroffen“, ruft Jule ins Mikro. Ein Raunen geht durch die Menge.
Rund um die 1,5 mal 1,5 Meter große Kampffläche verfolgen etwa 50 Studierende, Hochschulangehörige und auch Familien gebannt das Geschehen. Zwischen Teams und Zuschauenden flitzen Kamerateam und Moderationsduo von Gesprächen mit den Teams, der Analyse des letzten Kampfs mit der Jury zum Aufruf der nächsten Gegner. Wer nicht vor Ort ist, kann trotzdem mitfiebern. Die FightNight wird auf Twitch gestreamt und in der Halle auf einem großen Bildschirm gezeigt. Auf der Empore darüber herrscht Boxenstopp-Atmosphäre: In Windeseile werden Akkus gewechselt, Schrauben nachgezogen und beschädigte Roboter wieder fit für den nächsten Einsatz gemacht.
Die runde Kampfroboterin „Mona Lisa“ liegt geöffnet auf dem Tisch. Eigentlich sollte sie schon vor Minuten in der Arena antreten. „Dauert noch ein paar Sekunden, wir haben technische Probleme“, ruft das Team dem Moderatorenduo zu und macht weiter an Mona Lisas „Notoperation“, um ihre Blessuren vom letzten Kampf zu beheben.
Die anderen Maschinen heißen „Rumkugel“, „Bruce-E“, „Spareforce ONE.3“, „Eintracht Prügel“ oder „Kabelsalat Kommando“ – die Namen der Kampfroboter zeigen, dass auch Humor und Kreativität beim Bau zum Konzept gehören.
Neun Teams treten bei der vierten FightNight gegeneinander an, darunter drei aus Wien. Drei Minuten lang wird duelliert, geschoben, gehämmert und gesägt – wenn beide Gegner so lange durchhalten. Geht keiner K.o., entscheidet die dreiköpfige Jury – allesamt Fachschaftsmitglieder – nach Punkten, welcher Roboter den Kampf bestimmt hat. Kriterien wie Aggressivität, Kontrolle und Schaden am Gegner entscheiden über Sieg oder Niederlage.
Während die kleinen Kampfmaschinen schrabbeln, schleifen und gegeneinander krachen, fiebern auch viele Kinder mit großen Augen direkt am Geschehen mit. Eine Hand am Eis, die andere an der Plexiglasscheibe der Arena. Dahinter fliegen Schrauben und Kunststoffteile durch die Kampfzone, wenn ein Roboter unter den Treffern seines Gegners auseinanderbricht.
In einer Wettkampfpause darf ein Junge sogar einen der Roboter selbst steuern. Als dabei ein Kunststoffteil zu Bruch geht, reagiert dessen Erbauer völlig gelassen. „Ich drucke mal eben schnell ein Ersatzteil“, sagt der Student grinsend und macht sich auf den Weg zum 3D-Drucker.
Mitten im Publikum steht Familie Gronemeier aus Detmold-Pivitsheide. Die beiden Kinder, sechs und neun Jahre alt, verfolgen die Kämpfe mit großer Aufmerksamkeit. Für ein Interview haben sie keine Zeit; sie müssen weiter anfeuern – die nächsten Roboter stehen bereits in der Arena. Ihr Favorit heißt „Simsalabim“. Der sei noch viel cooler als die Robotersets, mit denen sie zu Hause spielen, erzählt ihre Mutter lachend. „Wir hatten heute die Wahl: Freibad oder RoboRangeln. Die Kinder wollten unbedingt hierher.“
Auf die Kampfroboter aufmerksam geworden sei die Familie beim Tag der offenen Tür der TH OWL. „Die beiden finden Technik spannend und wir sind Mitglied im MINT-Club Lippe“, erzählt sie. Nach den Sommerferien wechselt der ältere Sohn aufs Gymnasium. Seine Mutter hofft, dass seine Begeisterung für Technik dort weiter gefördert wird.
Gemeinsam schraubt es sich leichter
Genau für solche Momente haben Jonas Schweizer und das RoboRangeln-Team das Projekt ins Leben gerufen. Der 25-Jährige gehört zu den Gründungsmitgliedern aus der Fachschaft Produktion und Technik der TH OWL und entwickelt RoboRangeln seit 2023 gemeinsam mit einem ehrenamtlichen Team aus verschiedenen Fachbereichen kontinuierlich weiter. Inspiriert wurden sie vom Projekt „RoboFetz“ an der TU Wien. Der Austausch der Projekte zeigt sich auch an der Beteiligung an der FightNight, für die drei Teams extra aus Wien angereist sind.
„Für mich ist RoboRangeln ein Herzensprojekt. Ich liebe es, öffentlich über meine Arbeit an der Hochschule zu berichten. Es macht total Spaß, mein Wissen weiterzugeben und das Projekt weiterzuentwickeln. Es ist toll zu sehen, wie weit wir seit 2023 gekommen sind“, sagt er.
Die Idee hinter RoboRangeln entstand nicht zufällig. Jonas Schweizer und sein Team suchten nach einem Weg, mehr junge Menschen für Ingenieurwissenschaften zu begeistern. Denn das Interesse an einem Studium in diesem Bereich geht seit Jahren zurück. RoboRangeln sollte deshalb von Anfang an mehr sein als ein unterhaltsamer Wettbewerb.
Die Vorbereitung beginnt Wochen vorher in Werkstätten, an Laptops und 3D-Druckern. Interessierte Studierende treffen sich zu Bastelabenden in den Werkstätten der SmartFactoryOWL – im FabLab und IA-Lab. In kostenlosen Crashkursen lernen sie Konstruktion, CAD, 3D-Druck, Elektronik und Programmierung – begleitet von erfahrenen RoboRanglern.
Auf der Projekt-Website stehen außerdem Kursmaterialien, Baupläne und Software frei zum Download bereit. Für alle, die noch wenig Erfahrung mit Elektronik haben, hat das Team sogar ein eigenes Elektronik-Kit entwickelt. Es kann ausgeliehen oder gekauft werden und erleichtert den Einstieg in den Roboterbau.
Längst arbeiten Studierende aus Produktion und Technik, Informatik, Medien und Kultur sowie Wirtschaft gemeinsam am Projekt. Während die einen Roboter konstruieren und programmieren, kümmern sich andere um Organisation, Moderation, Livestream oder Öffentlichkeitsarbeit.
Dass dieses Konzept funktioniert, zeigte sich auch außerhalb der Hochschule. 2025 zeichnete die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik RoboRangeln mit der NextGen Engineering Trophy als bundesweit bestes Nachwuchskonzept aus. Das Preisgeld von 5.000 Euro investierte das Team direkt in die Weiterentwicklung des Projekts. Auch die TH OWL unterstützt die Arbeit finanziell.
Technikbegeisterung, die weiterwächst
Die Nachwuchsförderung soll nun den nächsten Schritt gehen. Ein besonderes Anliegen ist dem Team dabei, mehr Mädchen und junge Frauen für Technik zu begeistern. Beim Girls' Day bauten in diesem Jahr bereits acht Teilnehmerinnen ihre ersten Roboter. Aktuell gehören zwei Frauen zu den RoboRangeln-Teams – für Jonas Schweizer dürfen es künftig gerne mehr sein. Deshalb baut das Team parallel Kontakte zu Schulen in der Region auf. Ziel sind langfristige Kooperationen, bei denen Schülerinnen und Schüler eigene Roboter entwickeln und anschließend bei der FightNight antreten. Studierende begleiten sie dabei als Mentor:innen.
Darüber hinaus soll RoboRangeln noch stärker in die Hochschule hineinwachsen. Längst entstehen rund um das Projekt Ideen für interdisziplinäre Lehrformate, studentische Arbeiten und weitere Möglichkeiten, die Initiative künftig auch im Studium zu verankern.
Langfristig soll RoboRangeln weit über den Campus hinaus erlebbar werden. Geplant ist der Bau einer mobilen Arena, mit der das Team künftig auch auf Stadtfesten, MINT-Veranstaltungen und an Schulen Station machen möchte. Außerdem steht die Gründung eines Vereins auf der Liste, der dem Projekt eine langfristige Perspektive eröffnet und neue Möglichkeiten für Finanzierung und Kooperationen schafft.
Gemeinsam mit anderen Hochschulen arbeitet das Team an einem einheitlichen Regelwerk für hochschulübergreifende Wettbewerbe. „Daraus könnte perspektivisch eine Robo-Liga mit nationalen und internationalen Wettkämpfen entstehen“, sagt Jonas Schweizer. „Ich wünsche mir noch Verstärkung im Orgateam, damit wir unsere Zukunftspläne umsetzen können.“
Zurück in der Arena geht der Wettkampf unterdessen weiter in die Finalrunden. Zwischen den Duellen fegt Jonas Schweizer Kunststoffsplitter und Schrauben aus der Kampffläche zusammen, zieht eine gelockerte Schraube nach und schließt die Tür der Arena wieder. Kurz darauf fliegen wieder Funken, rotierende Scheiben kreischen über den Boden und das Publikum fiebert lautstark mit.
„Ach du Scheiße!“, ruft jemand, als ein Roboter quer durch die Arena fliegt. Es ist „Simsalabim“ – zerlegt in seine Einzelteile. Er wird heute wohl nicht mehr antreten, zu stark sind die Spuren vom letzten Kampf.
Inzwischen ist auch der Bratwurstwagen angekommen – spätestens jetzt hat die FightNight den Charakter eines kleinen Sommerfestes.
Am Ende setzt sich der Wiener Roboter „Bruce-E“ im Finale gegen „Spareforce ONE.3“ durch und nimmt die goldene Siegestrophäe mit nach Hause. Dass der Sieg nach Österreich geht, zeigt auch, wie sehr sich RoboRangeln inzwischen über die TH OWL hinaus entwickelt hat. Der Austausch mit anderen Hochschulen gehört längst zum Konzept.
Für Jonas Schweizer und sein Team zählt am Ende jedoch noch etwas anderes: dass Kinder freiwillig einen Sommertag an der TH OWL verbringen, Roboter bestaunen und erleben, wie faszinierend Technik sein kann.
Er lächelt. „An so einem Feedback merkt man dann: Die Nachtschichten haben sich gelohnt. Wenn ein Kind nach Hause geht und sagt: 'Ich möchte auch so einen Roboter bauen', dann haben wir unser Ziel erreicht. Das ist das schönste Kompliment.“
Genau dafür gibt es RoboRangeln.
Weitere Informationen: www.roborangeln.de






