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Vom virtuellen Rundgang zum Besuch vor Ort: Gäste aus Hermagor und Minden-Lübbecke an der TH OWL

Wie lassen sich neue Technologien für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion und eine moderne Industrie nutzen? Antworten auf diese Frage erhielten am 17. Juli Gäste aus dem Kreis Minden-Lübbecke und dem Bezirk Hermagor in Österreich bei einem Besuch auf dem Innovation Campus Lemgo. Zur Delegation gehörten unter anderem Landrat Ali Doğan und Bezirkshauptmann Dr. Heinz Pansi.

Anlass der Reise war das 45-jährige Bestehen der Partnerschaft zwischen dem Kreis Minden-Lübbecke und Hermagor in Kärnten. Auf dem Programm standen nach der offiziellen Begrüßung durch Professor Dr. Jürgen Krahl, Präsident der TH OWL, Besichtigungen der Future Food Factory OWL und der SmartFactoryOWL. Beide Einrichtungen zeigen, wie die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe Forschung, Transfer und Praxis verbindet.

Für die Gäste aus Hermagor stand dabei ein besonderes Ziel im Mittelpunkt: In der österreichischen Region gibt es Überlegungen, ein eigenes Living Lab aufzubauen. Der Besuch auf dem Innovation Campus zeigte, welche Ansätze sich auf die eigene Region übertragen lassen.

Sebastian Wittland, Transfermanager der TH OWL, führte die Gruppe durch die Future Food Factory OWL. Das Forschungszentrum beschäftigt sich mit der digitalen Transformation in der Lebensmitteltechnologie. Es untersucht unter anderem, wie sich Lebensmittel nachhaltiger, ressourcenschonender und mithilfe digitaler Technologien produzieren lassen. „Auf der Welt müssen immer mehr Menschen ernährt werden, gleichzeitig nehmen Ackerflächen ab, darauf muss man sich einstellen. Ein großes Thema der Lebensmittelproduktion ist daher die Verwertung sogenannter Nebenstromprodukte“, führte Wittland aus und verwies auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf dem Campus und die Kooperationen mit namhaften Unternehmen in der Region. Der Transfer sorge dafür, dass Forschung Früchte trage und die Menschen davon profitierten.

Anhand konkreter Beispiele zeigte Wittland, wie Forschungsergebnisse ihren Weg in die Praxis finden. Die Gäste erfuhren unter anderem, wie Forschende die Haltbarkeit von Lebensmitteln untersuchen. Ein Beispiel: Untersuchungen an einer Pizza zeigten, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum um drei Tage hätte verlängert werden können. Solche Erkenntnisse helfen Unternehmen dabei, die tatsächliche Haltbarkeit ihrer Produkte besser zu beurteilen und Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Anschließend lernte die Delegation die Laborhalle der Future Food Factory kennen. Dort werden moderne Produktionsanlagen aus Industriekooperationen nicht nur für die Lebensmittelforschung genutzt, sondern auch weiterentwickelt. Im Fokus stehen unter anderem Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, die Kommunikation von Maschinen untereinander sowie die Echtzeitüberwachung von Prozessen (Real-Time Control) in der Lebensmittelproduktion.

Auch die Campus Foundery stand auf dem Programm. Im dortigen Scale-up Lab erhielten die Gäste Einblicke, wie Gründungsteams ihre Ideen für die Lebensmittelbranche weiterentwickeln – etwa mit pflanzenbasierten Lebensmitteln oder innovativen Produkten für spezielle Zielgruppen. Die Teams werden fachlich und finanziell unterstützt, um ihre Produkte vom Labormaßstab in eine größere Produktion und schließlich auf den Markt zu bringen.

Anschließend stellte Transfermanager Patrick Spanier die SmartFactoryOWL, ein Joint Venture der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe und Fraunhofer IOSB-INA, vor. Das Reallabor für die Industrie 4.0 erprobt Anwendungen aus Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und vernetzter Produktion unter realen Bedingungen.

Getreu dem Motto „Test before Invest“ können Unternehmen hier neue Technologien, digitale Zwillinge und intelligente Produktionsprozesse unter realen Bedingungen erproben, bevor sie diese im eigenen Betrieb einsetzen.

Eindrucksvoll war auch die Demonstration von Sascha Heymann, Fraunhofer. Der humanoide Roboter „Karl“ ist zwar nur etwa so groß wie ein Grundschulkind, kann mit seinen 72 Elektromotoren aber schnell laufen, springen und beherrscht sogar Kampfsportbewegungen. Der Forschungseinrichtung geht es aber nicht um eine gute Show. Im Zentrum steht der sinnvolle Einsatz solcher Roboter, die Menschen entlasten und monotone oder gefährliche Aufgaben übernehmen können.

Karl war der Höhepunkt des Rundgangs. Die Delegation zückte ihre Smartphones, machte Fotos und diskutierte mit Sascha Heymann über Karls Einsatzmöglichkeiten in der Industrie. Dabei wurde auch deutlich, wie viel Entwicklungsarbeit noch vor den Forschenden liegt: Bevor humanoide Roboter künftig in Werkshallen arbeiten können, müssen Fragen der Sicherheit, Zuverlässigkeit und der Zusammenarbeit mit Menschen gelöst werden.

Für die Gäste aus Österreich war der Rundgang ein Wiedersehen mit zwei bereits bekannten Einrichtungen – diesmal allerdings nicht am Bildschirm: Im Frühjahr 2024 hatten Fachleute aus Hermagor die Future Food Factory OWL und die SmartFactoryOWL bei einem virtuellen Rundgang kennengelernt. Der Kontakt war im Zusammenhang mit Überlegungen entstanden, in der Region ein eigenes Living Lab aufzubauen.

„In der Region Hermagor soll ein Living Lab entstehen, das sich mit der Versorgung im ländlichen Raum beschäftigt“, erklärt Sebastian Wittland. „Ein Living Lab ist ein Reallabor. Dort werden neue Technologien und Konzepte unter realen Bedingungen gemeinsam mit Akteuren aus Wirtschaft und Forschung getestet.“ Der Besuch in Lemgo bot nun Gelegenheit, die Infrastruktur vor Ort zu erleben, Fragen zu vertiefen und mögliche Anknüpfungspunkte für den weiteren Austausch auszuloten.

Die Delegation zeigte sich beeindruckt von den Forschungs- und Transfermöglichkeiten der TH OWL. Landrat Ali Doğan kündigte an, künftig weitere Besuchergruppen aus dem Mühlenkreis nach Lemgo bringen zu wollen. „Hier wird erforscht und entwickelt, wie Lebensmittel nachhaltiger und ressourcenschonender produziert werden können. Dass diese innovative Zukunft direkt an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo gestaltet wird, ist ein großer Gewinn für OWL und den gesamten Wirtschaftsstandort. Moderne Robotik, intelligente Produktionssysteme und die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft haben uns deutlich vor Augen geführt, dass hier in unserer Region unglaublich viel Potenzial steckt“, sagt Doğan.

Der Besuch knüpfte an den bisherigen Austausch an und vertiefte die Verbindung zwischen der TH OWL, dem Kreis Minden-Lübbecke und Hermagor. Zugleich zeigte er, wie die Forschungseinrichtungen der Hochschule Impulse über die Region hinaus geben können. Aus einem virtuellen Kennenlernen ist ein persönlicher Dialog entstanden, der neue Perspektiven für Kooperationen in den Bereichen Lebensmitteltechnologie, Digitalisierung und Versorgung im ländlichen Raum eröffnet.

 

Lexikon:

Unter Nebenstromprodukten versteht man in der Lebensmittelindustrie Stoffe und Reststoffe, die bei der Herstellung oder Verarbeitung von Lebensmitteln zwangsläufig als Begleitprodukt anfallen und meistens entsorgt oder zu Tierfutter weiterverarbeitet werden. Zum Beispiel beim Speiseöl ist der Presskuchen ein Nebenstromprodukt oder bei der Bierherstellung der Treber.