Wenn Tische sprechen könnten: Das verraten Tisch-Kritzeleien über unsere Konzentration

Ob im Hörsaal, beim Telefonieren oder in Meetings. Die kleinen Kunstwerke des Alltags entstehen, während unser Kopf gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Was steckt hinter den Kunstwerken auf Tischen und Notizzetteln, und was passiert dabei in unserem Kopf? Die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe stellt online die schönsten Tisch-Kunstwerke aus den vergangenen Jahrzehnten aus und hat einen Psychologen gefragt, warum wir beim Denken zeichnen.

In mehreren Jahrzehnten haben Studierende der Medienproduktion an der TH OWL ein kleines Kunstwerk geschaffen. In Vorlesungen und Seminaren haben sie die Tische in ihrem Hörsaal mit bunten Zeichnungen, Sprüchen und Liebeserklärungen bemalt. Jetzt wurde der Hörsaal saniert, aber die Tische bleiben erhalten. „Diese Tische sind in gewisser Weise ein Dokument der Zeitgeschichte, deshalb werden wir sie auf jeden Fall aufbewahren, auch wenn unsere Studierenden jetzt in neue Hörsäle und Seminarräume nach Detmold ziehen, die übrigens gerne noch eine längere Zeit neu aussehen dürfen“, sagt Professor Guido Falkemeier, Dekan der Medienproduktion.  Auch am Standort Lemgo wurden die Hörsäle aufwendig saniert und die Tische ausgetauscht. Einen Teil der Tische will der Fachbereich an Absolventinnen und Absolventen des Bachelor- und Master-Studiengangs Medienproduktion verlosen.

Wer kritzelt ist konzentriert

Nicht alle Professorinnen und Professoren sind begeistert, wenn sich Studierende auf Tischen und Bänken verewigen. Schließlich sollen sie konzentriert der Vorlesung lauschen, statt die Tische zu bemalen. Prof. Dr. Michael Minge, Professor für Innovationspsychologie und Dozent an der TH OWL weiß, dass beides kein Gegensatz sein muss. „Wer kritzelt, ist nicht zwangsläufig unaufmerksam, im Gegenteil. Wenn wir in einem Vortrag oder beim Telefonieren kritzeln, kann das sogar die Konzentration steigern“, so Minge.

„Durch Kritzeleien aktivieren wir uns selbst, um Inhalte zu verarbeiten und nicht mit den Gedanken abzuschweifen. Englische Studien belegen, dass die Gedächtnisleistung während des Kritzelns sogar um 30 Prozent gesteigert werden kann. Was bedeutet, dass man die Gedächtnisinhalte, die während des Kritzelns entstehen, nach ein paar Tagen um 30 Prozent besser abrufen kann.“

Namen hinterlassen ist ein menschliches Bedürfnis

Menschen haben ein Bedürfnis, Zeugnis von ihrer Existenz zu hinterlassen, das zeigen schon die Höhlenmalereien. „Es ist ein wichtiges menschliches Bedürfnis, sich zu verewigen, zu dokumentieren: Ich war hier. Ganz gleich, ob mit vollem Namen oder mit Initialen“, erklärt Professor Michael Minge. „Oftmals kommt die Person nach langer Zeit an den Ort zurück, an dem sie ihren Namen hinterlassen hat. Und es gelingt ihr sehr gut, sich in die damalige Zeit zurückzuversetzen oder sich genau an die Situation zu erinnern. Ein schönes Beispiel hierfür ist das Herz von zwei Verliebten, eingeritzt in einen Baum.“

Geometrische Formen geben Struktur, florale Muster eine positive Stimmung

Ein typisches Merkmal von Kritzeleien auf Tischen und Notizblöcken sind geometrische Figuren und florale Muster. Die finden sich auch auf den Hörsaal-Tischen zuhauf. Beide Formen haben eine Funktion, erklärt Minge: „Wer geometrische Formen malt, setzt sich intensiv mit einem Problem oder einer Fragestellung auseinander und versucht Struktur hineinzubringen. Die geometrischen Figuren können auch auf Entscheidungsprobleme hindeuten. Blumen hingegen vermitteln eine positive Stimmung. Entweder befindet sich die Person schon in einer positiven Stimmung oder sie möchte sich durch das Zeichnen gerne in eine solche Stimmung versetzen.“

Die Tisch-Kunstwerke aus dem Fachbereich Medienproduktion hat die TH OWL online auf ihren Internetseiten ausgestellt.

Link zur Online-Ausstellung

Hier finden sich auch die Analysen von Prof. Dr. Michael Minge, Professor für Innovationspsychologie und Dozent an der TH OWL, der in kurzen Videos erklärt, warum wir beim Denken malen und was dabei in unserem Kopf passiert.