Symposium: Materialien der Zukunft

Beim Symposium des Forschungsschwerpunktes perceptionLab standen Materialien im Mittelpunkt. Zu den Referentinnen und Referenten zählten Designer, Künstler und Materialforscher.

„Räume ohne Material sind für uns nicht vorstellbar.“ Mit diesen Worten eröffnete Professorin Ulrike Kerber das diesjährige Symposium „Mensch und Raum“ des hochschuleigenen Forschungsschwerpunkts perceptionLab der Technischen Hochschule OWL. Die 12. Veranstaltung dieser Reihe fand am 18. Oktober 2019 in Detmold zum Thema „Material“ statt. Was bedeuten Materialien für uns und wie nehmen wir diese wahr? Was bedeuten Materialien für den Raum? Und wie wichtig sind gesunde Materialien für unsere Zukunft? Nicht nur Gestalter stellen sich diese Fragen.

Die Funktion ist nie genug

Sehr intuitiv geht der Designer Cengiz Hartmann mit Materialien um. „Ich möchte – für den Kunden – nicht irgendeinen Tisch machen, sondern den einen Tisch in seinem Leben.“ Das Material sage ihm, was zu tun sei. „Die Funktion allein ist nie genug, es geht immer um Beziehungen“, so Hartmann. Denn Intuition sei die Summe von Erfahrung und Wissen – „also traue ich ihr!“.
 
Weniger intuitiv ging Max Ernst seinen Vortrag „Die Ehrlichkeit von Material“ an und forderte eine Trendwende. „Den bewussten Umgang, den wir bei Lebensmitteln haben, würde ich mir auch beim Holz wünschen.“ Eiche aus dem Teutoburger Wald statt Mahagoni aus dem Senegal. Als gutes Beispiel nannte er die „Woodscraper“ in Wolfsburg, zwei innovative Hochhäuser aus Holz. Das hierfür verbrauchte Holz wachse innerhalb eines Jahres in und um Wolfsburg herum nach. Die Lebenszyklus- und Ökobilanzierung hierzu sei vom Fachbereich Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur am Lehrgebiet Baustoffe und Baukonstruktion erfolgt. Auch der „Grüne Salon“ – die neue Materialbibliothek der Detmolder Schule – gehe mit gutem Vorbild voran. Ihre gesamte Rauminstallation wurde ohne Leim und ohne Metallverbindung kraftschlüssig erstellt.

„Smarte“ Materialien

Die Farbdesignerin Melanie Hövermann stellte die Materialbibliothek „raumprobe“ in Stuttgart vor, die mit 50.000 Materialien umfangreichste, herstellerunabhängige Ausstellung für Materialien. Sie wies auf „smarte“ Materialien wie „Airbumps“ hin, ein Material, das Dellen an der Autokarosserie gar nicht erst entstehen lasse. Oder eine aktive Frischluftfarbe, die in Küchen oder Toiletten unter Einwirkung von Licht Gerüche und Schadstoffe abbaut. Auch aus der reichhaltigen Sammlung der „raumprobe“ stellte sie Materialien vor: Holz so weich wie Leder – ein 0,5 Millimeter dickes Echtholz wird mit einem Trägermaterial aus Baumwolltextil verbunden. Ein Plattenmaterial aus recycelten Jeans oder die Folienheizung Naxis Thermowall für das Kachelofengefühl ohne Kachelofen.
 
Ein ganz anderes Material stellte Philipp Geist von „Videogeist“ vor. Philipp Geist arbeitet weltweit als Künstler mit den Medien „Projection Mapping“/Lichtkunst, Fotografie und Malerei. Er zeigte Eindrücke seiner spektakulären Lichtinstallationen in Pune/Indien, Teheran, Rio de Janeiro und am Kölner Dom.

Nachhaltige Zukunft

Materialinnovationen für eine nachhaltige Zukunft – das ist das Metier des Materialforschers Honorarprofessor Dr. Sascha Peters von der Zukunftsagentur „Haute Innovation“. Kurz vor dem Ende des petrochemischen Zeitalters stehe die Gesellschaft vor einem einschneidenden Umbruch der Material- und Produktkultur. Mit Verve stellte er Alternativen zum nicht abbaubaren Plastik vor. So zum Beispiel zeigte er ein neuartiges Material aus Cellulose, Chitin und einem Pilz, das von einem Forscher an der Singapore University entwickelt wurde und aus dem sich Turbinenblätter herstellen lassen. Oder eine Unternehmerin aus der Region Hannover, die nicht mehr zu verkaufende Milch aufkauft und aus dem Milchprotein Fasern für Textilien herstellt (Qmilk).

Haptische Erfahrungen sammeln

Organisiert und moderiert wurde das Symposium von Kristina Herrmann, Projektleiterin am hochschuleigenen Forschungsschwerpunkt perceptionLab, sowie von Professorin Ulrike Kerber, stellvertretende Sprecherin des perceptionLabs. Laut Kerber besteht in einer zunehmend digitalen Welt die Gefahr, dass die Menschen immer weniger haptische Erfahrungen mit Materialien machen. Deshalb rief sie abschließend die 90 Zuhörerinnen und Zuhörer dazu auf: „Wir Innenarchitekten, Designer, Künstler sind die Botschafter für diese Welt – die Welt der Materialien.“


Hintergrund „perceptionLab“:

Unter dem Titel „perceptionLab“ haben sich Lehrende der TH OWL aus den Fachgebieten Architektur, Innenarchitektur und Medienproduktion mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Wahrnehmung von Objekten, Räumen und medialen Umgebungen durch den Menschen bzw. den Nutzer in den Mittelpunkt von Forschung und Lehre zu stellen. Durch die Beteiligung unterschiedlicher Fachrichtungen aus der Gestaltung, Planung und Visualisierung und durch die Einbindung von externen Fachleuten aus den Bereichen Psychologie und Szenographie wird das Thema mit einem ganzheitlichen Ansatz untersucht. Diese Zusammenarbeit dient dazu, wissenschaftlich und empirisch ermittelte Erkenntnisse über Wahrnehmung in Verbindung mit konkreten Erfahrungen aus der Planungspraxis zu einem anwendungsbezogenen Instrumentarium der Planung und Gestaltung in Hochschule und Praxis zu entwickeln.

www.perceptionlab.de