Was soziale Medien über Landschaften verraten

Seen, Wälder, Wiesen, Dörfer – Fotos in den sozialen Medien zeigen, was den Menschen wichtig ist und was sie schön finden. Dieser These geht Landschaftsarchitekt Lucas Kaußen in seiner Doktorarbeit an der TH OWL nach. Er untersucht, was die Menschen im Kreis Lippe und im Kreis Schwandorf fotografieren und wie sich die im sozialen Netzwerk Flickr geposteten Bilder für Planungsprozesse nutzen lassen.

Wenn Plätze für neue Windräder oder Strommasten gesucht werden, spielen viele Faktoren eine Rolle – auch der, wo die Bauwerke die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger mehr oder weniger stören. „Das Bundesnaturschutzgesetz schreibt vor, dass die Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Landschaften zu schützen sind – aber was ist Schönheit? Was als schön wahrgenommen wird, hängt stark mit individuellen Emotionen zusammen“, sagt Lucas Kaußen vom Fachbereich Landschaftsarchitektur und Umweltplanung am Standort Höxter der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Er untersucht aktuell im Rahmen seiner Promotion, ob sich die sozialen Medien nutzen lassen, um der Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger auf die Spur zu kommen. „Social Media ist das moderne Medium schlechthin – es ist ein riesiger Markt: Die verschiedenen Kanäle erreichen viele Menschen und verbinden unterschiedliche Medien von Texten über Bilder bis zu Videos“, erklärt Kaußen die Motivation für seine Doktorarbeit.

Landschaftsfotos im Fokus

Lucas Kaußen hat den Fokus seiner Studie auf die Fotocommunity Flickr gelegt. Dort laden Nutzer Fotos hoch, geben ihnen Titel, verschlagworten und diskutieren sie. Für den Kreis Lippe gab es beim Start von Kaußens Analyse rund 900 Fotos, die mit dem Schlagwort „Landschaft“ versehen waren. Drei Studierende der Angewandten Informatik der TH OWL haben eine Datenbank entwickelt, mit dem Kaußen die passend verschlagworteten Fotos herausfiltern und zusammen mit ihren Metadaten speichern kann. Zu diesen Metadaten zählt eine anonymisierte Nutzer-ID, der Bildtitel, die Längen- und Breitengrade des fotografierten Ortes, Kommentare und – wenn die Nutzer dies freigegeben haben – Daten über Kamera und Bildbearbeitung. Bei der geographischen Zuordnung der Fotos zeigen sich zwei Hotspots: der Teutoburger Wald und Schieder-Schwalenberg.

Bildinhalte analysiert und verglichen

Das vorliegende Bildmaterial hat Kaußen analysiert – zunächst mit der Frage: Was ist zu sehen? Zwei Drittel der Bilder zeigen Himmel, genauso viele Wald. Autobahnen sind nie zu sehen; Städte, Hochhäuser und Windräder sehr selten. Verglichen hat er die so erfassten Daten mit einer Analyse für den Kreis Schwandorf in Bayern. Ergebnis: Die gezeigten Landschaftselemente unterscheiden sich. Manches lässt sich einfach erklären, beispielsweise sind auf den Schwandorfer Bildern wesentlich häufiger Kirchen zu sehen, weil es davon in der Oberpfalz mehr gibt als im Lipperland. Für andere Erkenntnisse gibt es keine naheliegende Begründung. Zum Beispiel gibt es im Kreis Schwandorf mehr als doppelt so viel Waldanteil der Landnutzungsflächen wie im Kreis Lippe – auf den Fotos ist aber nahezu gleich häufig Wald zu sehen. Im Kreis Lippe wiederum gibt es deutlich mehr Ackerflächen, aber Landwirtschaft ist häufiger auf den Fotos aus dem Kreis Schwandorf zu sehen. „Es wird nicht das häufiger fotografiert, was es häufiger gibt. Das ist insofern ein schönes Ergebnis, als dass es zeigt, dass die Bildinhalte von den Fotografen ganz bewusst gewählt sind. Damit haben die untersuchten Fotos eine Aussagekraft über die Landschaftswahrnehmung“, so Kaußen. Das ist ein Indiz dafür, dass sich aus den Fotos in den sozialen Medien ablesen lässt, was Menschen als schön empfinden.

Auswertung automatisieren

Diese Zusammenhänge wird Kaußen im weiteren Verlauf seiner Promotion genauer untersuchen. Dabei nimmt er auch die Texte in den Blick: die Bewertungen und Kommentare, die die Flickr-Nutzer posten. „Eine Fotocommunity ist natürlich eine Filterblase – wer einen Flickr-Account hat, interessiert sich für Fotografie. Das ist nur ein Teil der Menschen, die die Landschaft wahrnehmen und deshalb in Planungsprozesse einbezogen werden sollten“, sagt Kaußen. Dennoch zeige sich, dass die Auswertung der sozialen Medien Potenzial für die Beteiligungsprozesse haben kann. Deshalb untersucht er auch, wie sich diese Auswertung automatisieren lassen könnte.

Betreut wird die Doktorarbeit an der Technischen Hochschule OWL von Professor Dr. Boris Stemmer vom Fachgebiet Landschaftsplanung und Erholungsvorsorge. Die Promotion wird in Kooperation mit der Universität Tübingen durchgeführt, wo Professor Dr. Dr. Olaf Kühne als Betreuer agiert. Das Promotionsvorhaben läuft seit Anfang 2017. Zuvor hat Kaußen in Höxter im Bachelor und Master Landschaftsarchitektur studiert und war hier anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig.

Kontakt: Lucas Kaußen, Telefon 05271 687-7579, E-Mail lucas.kaussen(at)th-owl.de

Weitere Informationen zum Promovieren an der TH OWL:www.th-owl.de/graduiertenzentrum